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Geschrieben von Heike Geilen, am 21-04-2008 11:15
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KlippenEine Kindheit unter Tonnen von Sand begraben

Ein junger Mann - Schriftsteller - hat scheinbar alles, um glücklich zu sein, eine kleine Tochter und eine Lebensgefährtin, die ihn liebt. Trotzdem kann er seine verstorbene Mutter nicht vergessen. Erinnerungen quälen ihn tagein, tagaus. Der zwanzigjährige Todestag führt ihn wieder an den Ort ihres Selbstmords - die dramatische Kulisse der Felsenklippen von Étretat.

"Hier ist die Nacht, tief und Schwarz wie die Welt."
Mit diesen Worten beginnt Olivier Adam seinen kleinen Roman.
"Ich zünde im Dunkeln Kerzen an. (…) Seit zwanzig Jahren ist meine Mutter tot. Zwanzig Jahre Tag für Tag. (...) Ich bin einunddreißig, und mein Leben beginnt. Ich habe keine Kindheit und von jetzt an ist mir jede recht. Meine Mutter ist tot, und die Meinen sind alle weg. Das Leben hat bei mir reinen Tisch gemacht, Claire und ich nehmen daran Platz (...) und so beginnt, in der Meeresnacht verloren, mein Leben..."

Düstere Worte, aber trotzdem - wenn auch nur flackernd, wie die Kerzen im Wind - mit einem kleinen Hoffnungsfunken.
Der Mann, der in dieser dunklen Nacht über sein Leben sinniert, "ich bin eine schwarze Nacht, ein Klippenrand, ein ertrunkenes Leben, schwindelfrei und mit Blick ins Leere" - im Rücken seine schlafende Frau Claire und seine zweijährige Tochter Chloé - ist der Ich-Erzähler Olivier. Er ist mit seiner Familie an den Ort einer familiären Tragödie zurückgekehrt, die sein bisheriges Leben gezeichnet hat. Seine Mutter stürzte sich vor zwanzig Jahren von den, vom Balkon seiner Ferienwohnung aus zu sehenden, Klippen Étretats in den Tod.
Die ganze Nacht wird er wach sein, später denselben Weg gehen, den seine Mutter ging. Erinnerungen und dunkle Stellen in seinem Lebenslauf werden ihn quälen, Lücken, die er nicht zu füllen mag. Doch er ist fest entschlossen, Licht in seine Vergangenheit zu bringen.

Das Drama seiner Familie begann mit den psychischen Problemen seiner Mutter, einer zerbrechlich zarten Frau. "An die Zeit davor habe ich keine Erinnerungen. Weder an meine Mutter noch an mich selbst. Von meiner Geburt bis zu meiner ersten Erinnerung sind neun Jahre verstrichen, ohne eine Spur zu hinterlassen. Und bis zu Mamans Tod ist alles verschwommen und unartikuliert. Manchmal frage ich mich, ob sich alles, was ich vergessen habe, irgendwo eingenistet hat. Ob all die Ereignisse, Wörter, Gefühle und gesammelten Gesten einen Teil von mir ausmachen, eine Art Fundament für mich bilden, oder ob ich auf dem Nichts, auf einem wegsackendem Boden aufgewachsen bin."
Verschwommen ist auch sein Leben danach, ohne Kontur und Rahmen. Hunderte unbeantwortete Fragen nach dem Warum der Verzweiflungstat seiner Mutter spuken pausenlos durch seine Träume, er hat Halluzinationen.

Vom Dunkeln ins Licht

Das Zusammenleben mit dem Vater entwickelt sich nach dem Tod der Mutter immer mehr zur Farce, ist durch seelische und körperliche Gewalt gekennzeichnet und wirkt wie das Eintauchen in eine tiefe schwarze Nacht. Es scheint, als wären seinem Vater mit dem Tod der Frau jegliche Gefühle für seine Söhne (Olivier hat noch einen zwei Jahre älteren Bruder - Antoine) abhanden gekommen. Er quält sie mit Sprechverbot und ahndet kleinste Vergehen mit unglaublicher Brutalität.

Beide Brüder klammern sich beinahe verzweifelt in ihrer kindlichen Hilflosigkeit aneinander. Einziger Bezugspunkt ist eine jugendliche Clique aus ebensolch unsanft gestrandeten Kindern, die ihrem trübsinnigen Leben durch Sex, Drogen und Alkoholexzesse zu entfliehen versuchen, jedoch in Wahrheit immer tiefer in schwere Depressionen verfallen, magersüchtig werden oder sich gar eine Kugel durch den Kopf jagen.

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Als Antoine mit neunzehn Jahren in einer Nacht- und Nebelaktion das elterliche Haus und seinen Bruder verlässt, gibt es auch für Olivier kein Halten mehr. Ihn verschlägt es nach Paris. Doch sein psychischer und physischer Abstieg setzt sich rapide fort. Auch Léa, eine ebenso zerbrechliche, seelisch angeschlagene Person wie seine Mutter, an die er sich mit vehementer Kraft klammert, rettet ihn nicht. Ihr Selbstmord wirft ihn endgültig aus der Bahn.
Erst die Liebe zu Claire, die unerschütterlich an ihn glaubt, und ihre gemeinsame Tochter Chloé ziehen ihn aus dem Tal der Dunkelheit: "Millionen erhellter Fenster in den Fassaden, Scheinwerfer in der Nacht..."

Der Roman endet mit den ersten Morgenstunden. Olivier scheint mit sich im Reinen, doch ob er die Zukunft, den schweren Berg des Vergessens und Verzeihens bewältigen wird, das bleibt offen. Der Tonfall seines letzten Satzes lässt jedoch das zarte Pflänzchen Hoffnung keimen: "Wenn ich aufwache, wenn ich die Augen, die Vorhänge öffne, wird alles ruhig sein und leuchten." Die Dunkelheit scheint besiegt.

Lückenhafter Fluss der Erinnerungen

Der Ich-Erzähler Olivier berichtet in einem lückenhaften Fluss der Erinnerungen über die Bemühungen, seine im Dunkeln verborgene Kindheit aus dem sandigen Grund, herauszulösen. Dabei ist es Adams schriftstellerischem Talent zu verdanken (das Buch stand 2005 auf der Liste der letzten vier Finalisten für den "Prix Goncourt", dem bekanntesten Literaturpreis Frankreichs), dass dieser Roman in den Augen des Lesers nicht nur als enttäuschende Ansammlung von Fakten scheint.

Der Autor schreibt äußerst feinfühlig, mit Intelligenz und ohne rührselige Dramatisierung, über die Themen Kindheit, Jugend, Familie, Liebe, Erinnerung und die Grausamkeit, aber auch die Schönheit der menschlichen Existenz.
Natürlich ist man versucht, die Parallelen zwischen der Existenz des schriftstellernden Erzählers und des Autors als Autobiographie zu deuten. Name und Alter sind identisch. Doch diese Frage sollte nicht im Mittelpunkt dieses Buches stehen. "Klippen" ist ein mit großer Zärtlichkeit erzählender Roman über Schmerzen und Gewalt, aber auch die Hoffnung. Immer wieder setzt der Autor lichte Stellen in seine düstere Beschreibung; fügt nach menschlichen Tragödien Passagen ein, in denen der Erzähler seine schlafende Frau und Tochter bewundert.

Auffällig ist die einfache, aber wunderschöne Diktion dieses Buches. Mit kurzen schnörkellosen Sätzen, einem beinahe puristischen Stil, skizziert er seine Figuren. Eine einfache Linie, ein Strich, genügt zur Beschreibung einer Situation von ungeheurer Dramatik. Vor dem inneren Auge des Lesers entstehen Bilder, Porträts und Landschaften, die man fast atmen und schmecken kann; Wörter voll Luft und Gischt, nassem Gras und feuchter Erde, Wind und Salz. Und immer wieder das Meer (eine Metapher für seine tote Mutter?) und die Klippen.

Carina von Enzenberg hat mit ihrer Übersetzung aus dem Französischen den wundervollen Ton Olivier Adams grandios wiedergegeben.

Fazit:Ein großartiges Buch, das den Leser wie bei einer heftigen Welle erschüttert, gerade durch seine Menschlichkeit und seine ungebrochene Hymne an das Leben.

Bibliographische Angaben

 
Olivier Adam
Klippen

Titel der Originalausgabe: Falaises

Aus dem Französischen von Carina von Enzenberg

SchirmerGraf, München (März 2008)
240 Seiten, Gebunden
ISBN-10: 3865550517
ISBN-13: 9783865550514
Preis: 17,80 EURO

 

 

 

 

 


Letztes Update: 21-04-2008 16:32

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Olivier Adam, Klippen, 3865550517, 9783865550514, Prix Goncourt, Erinnerungen, Kindheit, Selbstmord, Gewalt
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