Romain Gary ist in die Literaturgeschichte eingegangen als erster und einziger Dichter, der den Prix Goncourt zweimal erhalten hat. 1956 für den Roman "Die Wurzeln des Himmels" und 1976 noch einmal für seinen Roman "Du hast das Leben noch vor Dir", den er unter dem Pseudonym Émile Ajar veröffentlicht hatte. Im vorliegenden Roman hat er seine eigene Lebensgeschichte verarbeitet und seiner skurrilen, abenteuerlichen und einmaligen Mutter ein Denkmal gesetzt.
In den legendären zwanziger und dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts, einer dekadenten Epoche, spielt sich das Leben der beiden zuerst in Polen und später in Nizza/Frankreich ab.
"Sie kam nach Hause, setzte sich in die Ecke, zündete sich eine Zigarette an und schaute ihn strahlend an. Komm her und gib mir einen Kuss!" Mit Sätzen wie diesen hat seine Mutter Nina Kacew ihren Sohn umgarnt, geliebt, verwöhnt und in den Himmel gehoben. Eine seltsame und abgöttische Mutterliebe hat hier Eingang in die Literatur gefunden. Gary hat mit Ironie und Sarkasmus, humorvoll und sensibel die Welt seiner Kindheit wieder belebt, die im Roman als eine einzige große Inszenierung erscheint.
Die Mutter, Schauspielerin ohne Fortune, redet sich selber und ihrem Sohn täglich ein, wie berühmt, großartig und einzigartig er sein wird und wie er dadurch seinem eigenen und ihrem Leben zu Glanz verhelfen wird. Nachdem sie für ihn den Beruf des Geigers, Balletttänzers und Sängers mangels Talents verworfen hat, soll er Offizier, Diplomat oder Schriftsteller werden.
Voller Träume und irrwitziger Anstrengungen, sich an der Realität vorbei zu mogeln, schafft sie es immer wieder, ihren Lebensunterhalt auf die abenteuerlichste Weise zu sichern. Sie scheut dabei keine Erniedrigungen und keinen Größenwahn, um sich und anderen den Rausch der Berühmtheit vorzugaukeln. Mit umwerfender Grandezza demonstriert sie bei jeder Gelegenheit ihre Größe. Als Hutmacherin, Besitzerin eines Couture Salons, Hotelbetreiberin und vieler Zwischenstationen bis dahin: Gary lässt keinen Zweifel an der Hochachtung, mit der er ihre Bemühungen anerkennt. Sie war nicht nur eine Jongleurin im täglichen Überlebenskampf, sondern auch eine begnadete Altruistin, die um des Sohnes willen enorme Leistungen und Entbehrungen auf sich genommen hat. Anrührend und herzergreifend hört sich die Szene an, in der ein älterer Bewerber bei Romain um die Hand seiner Mutter anhält, - vergebens!
Wo blieb er selbst hinter der Fassade?
Er hat das Beste daraus gemacht: ein wenig Hochstapler, ein wenig Gentleman und Casanova kann er vor allem hinreißende Geschichten aus seinem Leben erzählen. Mit Leichtigkeit und im Wissen um die Vergänglichkeit auch der schönsten Träume, berichtet er von waghalsigen Unternehmungen, seiner unwiderruflichen Treue zu sich selber und zu seiner Mutter und über die Lebensumstände, die sie beide, als er 12 Jahre alt war, von Polen nach Nizza in Frankreich führte.
Anzeige Die Abenteuer, die Gary mit ihr erlebt, sind legendär, und sie finden in den Geschichten des gemeinsamen kleinen und großen Alltags ihren Niederschlag. Ob alles am Ende genau so gewesen ist? In einem letzten Teil ist er im Krieg, und da geht es eher ernst zu. Er wurde Pilot im zweiten Weltkrieg, Diplomat, und am Ende Schriftsteller, -----und er wurde berühmt! Seine Überlebenskraft zieht er aus der steten inneren Präsenz der Mutter. Literatur sei zur Wirklichkeit geworden, wird im Begleittext vermerkt.
Keiner kann sich dem Charme der verstiegenen Traumwelt entziehen. Mit sprühenden Einfällen gibt der Autor seinen Schilderungen einen Glanz, der ihm zu Recht Literaturpreise eingetragen hat!
Die enge und dominante Mutter- Sohnbeziehung wird mit erstaunlicher Liebe und Distanz zugleich beschrieben. Sie bleibt frei von allen Deutungen.
Den mit unglaublicher poetischer Kraft geschriebenen Roman liest man in einem Zug und versinkt in der fernen Welt der zwanziger Jahre, die so viele Möglichkeiten für Müßiggang, Hochstapelei, Reichtum und Überlebenskunst bot. Das Buch ist sorgfältig ediert. In einem Nachwort von Sven Crefeld kann man erfahren, welche Intention Gary mit seiner Romanversion verfolgte. Außerdem sind seine Lebensdaten aufgeführt.
1980 hat Roman Gary seinem Leben ein Ende gesetzt. Sein Ruhm wird mit der Neuauflage seines Bestsellers aus den sechziger Jahren in der hervorragenden Übersetzung von Giò Waeckerlin Induni in den Focus einer geneigten Leserschaft gerückt und wird seinen Bekanntheitsgrad sicher festigen.