Eigentlich wollte die 18jährige Helen sich nur die Poritze rasieren, doch jetzt liegt sie mit einer Analfissur im Krankenhaus. Etwas Gutes lässt sich dieser schmerzhaften Sache jedoch abgewinnen: bei der Operation kann man gleich Helens Hämorrhoiden, die sie liebevoll ihren Blumenkohl nennt, entfernen.
"Was ist das denn?!", werden Sie vielleicht jetzt fragen. Es handelt sich um den harmlosen Einstieg in Charlotte Roches Debütroman "Feuchtgebiete". Von Kiepenheuer & Witsch als "pornographisch" abgestempelt und abgelehnt, von über 300 Amazon-Kunden eifrig rezensiert und von Roger Willemsen & Co in höchsten Tönen gelobt.
Helen liegt also mit einem wunden Hintern in ihrem Einzelzimmer und versucht, sich die Zeit im Krankenhaus zu vertreiben. Das fällt ihr auch gar nicht schwer, denn Helen hat ein ausgeprägtes Interesse an ihrem Körper. Besonders Körperöffnungen und Sekrete faszinieren sie. Und da ist eine offene, eitrige Wunde am Pöppes natürlich das ideale Studienobjekt.
"Ich (...) halte mir die Kamera nah vor die Augen. Es erscheint ein Foto von einem blutigen Loch, der Blitz hat tief hineingeleuchtet. Das steht ja offen. Nichts deutet auf einen geschlossenen Schließmuskel hin. Ich kann keine ringförmig geraffte, rosabraune Rosettenhaut erkennen. (...) Wollen die eigentlich, dass ich an dem offenen Fleisch Kacke vorbeidrücke? Niemals. Wie viele Tage und Wochen kann ich einhalten? Und falls ich es schaffe, lange einzuhalten, wird die Kacke ja immer dicker und härter und tut dann noch mehr weh, wenn sie da vorbei muss. Das frag ich mal."
Das Buch schickt den Leser auf einen Streifzug durch Helens Gedankenwelt, die sich zum Großteil um die Themen Sex, weibliche Anatomie und Körper(un)pflege dreht. Helen boykottiert die o.b.-Industrie mit selbstgebastelten Klopapiertampons, verachtet den Hygienewahn der Gesellschaft und die Unterdrückung der animalischen Gelüste. Sie betreibt dabei ihre eigene Art von Körperkult. Smegma benutzt Helen als betörendes Parfum, die Wimpernzange als Sextoy und Make-Up wird auch im Intimbereich eingesetzt:
"Ich habe da zum ersten Mal überhaupt Muschis von schwarzen Frauen gesehen. Das ist vielleicht mal was. Weil die so dunkle Haut haben, knallen die inneren Muschifarben beim Aufspreizen viel mehr als bei weißen Frauen. Da ist der farbliche Gegensatz nicht stark genug. Hat irgendwas mit Komplimentärfarben zu tun, glaub ich. Muschirosapink neben hellrosa Hautfarbe sieht viel langweiliger aus als Muschirosapink neben dunkelbrauner Hautfarbe. Gegen Dunkelbraun wirkt nämlich das Muschirosapink wie Dunkellilablaurot. Geschwollen und pulsierend. Sag ich ja. Komplimentärfarben. Braune Haut macht Muschirosapink ein Kompliment. Das hat mich so beeindruckt, dass ich mir, seit ich das gesehen habe, immer die Muschi innen schminke, bevor ich eine Fickverabredung habe. Dazu benutze ich die üblichen Schminksachen, die man sonst für das Gesicht nimmt. Muschischminke habe ich im Drogeriemarkt noch nicht entdeckt. Marktlücke."
Anzeige "Radikal, drastisch und ebenso zart," so bewirbt Roger Willemsen den Roman. Den ersten beiden Attributen kann man wohl ohne Zögern zustimmen. Die Prise Zartheit ist allerdings so zaghaft untergerührt, dass man sie zwischen den scharfen Szenen kaum herausschmeckt. Die gefühlvollen Abschnitte des Buches zeigen Helens vage Erinnerungen an den Selbstmordversuch ihrer Mutter sowie Helens Bemühen, ihre geschiedenen Eltern am Krankenbett wieder zusammenzuführen. Damit diese Mission gelingt, darf Helen auf keinen Fall genesen und entlassen werden. Auch wenn das heißt, sich selbst zu verletzen und Schmerzen zu ertragen. Prinzipiell schön, dass Autorin Roche in diesen Passagen nicht zu dick aufträgt und auch nicht auf die poetisch-sensible Tränendrüse drückt. Trotzdem hätte man sich hier und da mehr dieser leisen Momente gewünscht.
"Feuchtgebiete" richtet sich gegen die gesellschaftliche Verklemmtheit. In einem Interview mit der Zeitschrift NEON antwortete Charlotte Roche auf die Frage, warum jemand ein Buch über Exkremente, Körpergerüche und ähnlich Tabuthemen lesen sollte: "(...) damit die Leute lockerer werden." Und immerhin hat sie es mit dem Roman geschafft, den "stillen" Themen eine Stimme zu geben. Polarisierender Lesestoff, der darauf ausgelegt ist, zu provozieren, hat den Vorteil, dass sich jeder dafür zu interessieren scheint. Die Medien berichten ausgiebig, auf den Feuilletonseiten wichtiger Zeitungen prangt ein Interview mit der Autorin und in den großen Fernseh-Talkshows darf Charlotte Roche mit ihrem Buch auch zu Gast sein. Dabei tritt sie mit einer bewundernswerten, unaufdringlichen Lockerheit auf. Ihre Gönner wirken dagegen trotz der lobenden Worte etwas gezwungen. So fragt man sich das ein oder andere Mal, ob diese "Feuchtgebiete" nun wirklich schätzen oder ob sie möglichst unverklemmt wirken wollen. Auch scheint es irgendwie ein bisschen Pflicht zu sein, Charlotte Roche zu mögen. Schon als schräge Viva-Moderatorin der Kult-Sendung Fast Forward stand sie ja bei den Kritikern (zu Recht) hoch im Kurs und wurde im Jahr 2004 mit dem Grimme-Preis ausgezeichnet. Deswegen ist "Feuchtgebiete" natürlich nicht gleich ein literarisches Meisterwerk, aber es ist durchaus lesenswert.
Fazit:Charlotte Roches Debütroman berieselt den Leser mit seinem umgangssprachlichen Ton und eh man sich versieht, ist man auch schon bei der letzten Seite angekommen. Beim Schmökern kann man hier und da schmunzeln, sich wundern, etwas lernen, sich ekeln oder auch ein bisschen rot werden. Der Unterhaltungswert ist also nicht von der Hand zu weisen.