Am Bahnhof fängt alles Schöne an, eigentlich sollte er Glückshof heißen.
Mit diesen Gedanken startet eine junge Frau mit Namen Ursula und genannt das Mädchen in einen Sommerurlaub mit ihrem Freund Peter, einem jungen Rechtsanwalt. Die beiden haben kein konkretes Reiseziel, sie wollen das Leben genießen, sich kennen lernen, die Welt erfahren. Die Straße führt sie fast von selbst Richtung Süden. In Singen an Hohentwiel wollen sie eine ehemalige Klassenkameradin Ursulas besuchen. Doch in deren kleinbürgerlicher Enge und traditionellem Hausfrauendasein ist kein Platz für spontane Gastfreundschaft, schon gar nicht für ein unkonventionelles Paar. Sie werden an der Haustür abgefertigt und fahren weiter. Irgendwann landen sie in Ascona.
"Hier ist Landschaft, wirklich Land geschaffen", staunt Ursula, mit ihrer grenzenlosen Fähigkeit zur Freude. Im großen Hotel mit dem verpflichtenden Namen Monte Verità, in den 20er Jahren berühmt berüchtigt als Sitz einer Künstlerkolonie der Lebensreformbewegung, macht das junge Paar neue Bekanntschaften. Ursula weckt das Interesse eines Herrn, der sich später als kleiner Gauner und Zauberkünstler entpuppt. Peters juristischer Sachverstand ist gefragt und er genießt die Aufmerksamkeit einer glamourösen Femme fatale mit extravagantem Auftreten. Das Paar, das sich noch nicht wirklich gefunden hat, schwankt zwischen Eifersucht und Vertrauen, pendelt zwischen Nähe und Distanz, Vorsicht und Offenheit. Schließlich verlassen sie Ascona und versuchen an einem stillen Ort, ihr Miteinander auf eine neue Grundlage zu stellen. Sie schließen untereinander einen Vertrag und versprechen sich Selbsterkenntnis Respekt und Menschlichkeit.
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"Die Welt ist blau", dieser Sommer- Romans aus Ascona von Victoria Wolff, erschien 1933 erstmals als Fortsetzungsroman und Vorabdruck in der "Neuen Züricher Zeitung". Ein Jahr zuvor hatte sich die selbstbewusste Autorin bereits einen Namen mit einem Roman über die französische Schriftstellerin George Sand gemacht. Auch andere ihrer Texte fanden Verleger und Publikum, doch bald musste Victoria Wolff feststellen, dass für sie als jüdische Schriftstellerin unter der Naziherrschaft keine Arbeits- und Lebensmöglichkeiten mehr bestanden. 1933 ging sie mit ihren Kindern nach Ascona in die Schweiz. Hier erschien - wenngleich mit kleiner Auflage- ihr Roman "Die Welt ist blau" in der Bibliothek zeitgenössischer Werke des Paul Zsolnay Verlages.
Wegen unerlaubter journalistischer Tätigkeit aus der Schweiz ausgewiesen, gelang Victoria Wolff und ihrer Familie 1941 von Frankreich aus die Flucht in die USA. Dort starb sie 1992 im Alter von 88 Jahren.
Lange Zeit zählte Victoria Wolff zu den zu Unrecht vergessenen jüdischen Schriftstellerinnen. Dem kleinen, feinen Aviva Verlag in Berlin ist es zu verdanken, dass nun einige ihrer Werke wieder ihr Lesepublikum finden können. Im vergangenen Jahr bereits erschien im Aviva- Verlag Wolffs Roman "Das weiße Abendkleid", der sich am Leben der Schauspielerin Tilla Durieux orientiert. Victoria Wolff hatte die Durieux wie viele andere Autoren und Künstlerinnen während ihres Exils in Ascona kennen gelernt.
"Die Welt ist blau" ist ein leichtfüßiger Text und teilweise spritzig wie ein erfrischender Cocktail. Doch in kurzen Sentenzen verbergen sich Lebensweisheiten voller Tiefe und Nachdenklichkeit. Victoria Wolff versteht sich auf Andeutungen, hinter denen sich dunkle Dimensionen öffnen. "Lassen wir das Tiefland, Peter, das Primitivland, wir wollen es vergessen", heißt es lapidar zu den Entwicklungen, die sich 1933 in Deutschland abzeichnen. Allerdings setzen diese perlenden Kommentare, die hingetupften Anspielungen und Apercus auch die Kenntnis der Zeit und der Lebensumstände der Autorin voraus. Die Herausgeberin Anke Heimberg hat da in einem an Zahlen und Fakten fast zu dicht gespickten Nachwort Nachhilfeunterricht gegeben.
"Die Welt ist blau" ist eine schillernde Geschichte, die ganz eindeutig aus einer anderen Zeit und einer anderen Welt kommt. Die Autorinnen jener Zeit, ihre Sprache, ihre Ausdrucksmöglichkeiten, ihre Weltsicht noch einmal ins Licht zu rücken, ist das Verdienst des Verlages und macht den Sommer- Roman zu einem wichtigen Zeugnis der Geschichte, zu einer Lektüre, die über den Tag hinausreicht.
Die junge Ursula fährt mit dem Rechtsanwalt Peter Mack in die Sommerfrische nach Ascona. Die Reise dient ihr dazu, um 'Antwort zu finden auf ein paar Fragen, die ihr das Leben stellt'. Ist Peter die richtige Wahl für eine selbstbewusste und lebensfrohe junge Frau wie sie? Dass sich unter dem bunten Volk der Hotelgäste ein geheimnisvoller Herr namens Kurt und eine extravagante Frau mit Titelbildgesicht befinden, erleichtert ihr die Entscheidung nicht.
Victoria Wolffs Ascona-Roman ist inspiriert von den Begegnungen der Emigrantin im legendären Künstlerdorf am Lago Maggiore. Das Ambiente im 'beglückenden Nest' dient als Kulisse für existenzielle Fragen: Wie lässt es sich leben? Im Alltag und auf Reisen? Und ziehen sich Gegensätze wirklich an? Ein erfrischender Roman voller Witz und Esprit, erstmals 1933 als Vorabdruck in der Neuen Zürcher Zeitung erschienen.