Der Gymnasiallehrer Rainer Wenger startet während einer Projektwoche zum Thema „Autokratie“ ein folgenschweres Experiment, um seine Schüler auf die immerwährende Gefahr faschistischer Tendenzen aufmerksam zu machen. Doch die im Zuge dessen gegründete Schülergemeinschaft „Die Welle“ reicht bald über das Schulprojekt hinaus und droht, außer Kontrolle zu geraten …
1967 veranstaltete ein Lehrer an einer kalifornischen High-School mit seinen Schülern ein Experiment namens „The Third Wave“, welches die Gefahr totalitärer Systeme praktisch aufzeigen sollte, sich jedoch so explosiv entwickelte, dass es abgebrochen werden musste. Aus einem kurzen Artikel des Lehrers entstand schließlich „Die Welle“, die erste Verfilmung des Stoffes, sowie ein gleichnamiger Roman von Morton Rhue, der schon seit langem zum Klassiker der Jugendliteratur avanciert ist. Offenbar hat die Faszination des berüchtigten Experiments nach wie vor nicht nachgelassen, denn „Die Welle“ ist zurück in den Kinos, dieses Mal unter der Regie von Dennis Gansel.
Realistische Lebenswelten
Jürgen Vogel überzeugt als anfangs äußerst liberal und kumpelhaft gezeichneter Lehrer in einem Werk, das in allen Bereichen auf sein jugendliches Publikum zurechtgeschnitten ist. Mit lauter Musik, schnellen Schnitten und ausgeprägtem Jugendslang holt Gansel das präferierte Publikum dort ab, wo es sich befindet und bietet von „normalen“ Lebenswelten über verwöhnte Wohlstandslangeweile und sozial geschwächten Verhältnissen bis hin zu deprimierendem Außenseitertum ein ausgewogenes Spiegelbild aktueller jugendlicher Lebensverhältnisse zur Identifikation an. Umso eindringlicher gerät die Botschaft, wenn die irgendwo in Deutschland verortete Handlung ihren Lauf nimmt, und sich die Schüler „von nebenan“ immer mehr mit einer gemeinsam geschaffenen Gruppierung identifizieren, in der alsbald außenstehende Andersdenkende nicht mehr nur unwillkommen sind, sondern vielmehr bedroht und körperlich misshandelt werden. Wenn der ewige Sirenengesang des Gemeinschaftsgefühls und der sozialen Zugehörigkeit im 21. Jahrhundert ertönt, liegt die Assoziation mit dem Dritten Reich zu weit entfernt, um noch gehört zu werden; zumal sich so mancher durch die umseitig betriebene Aufklärung über derlei Versuchungen bereits gefährlich erhaben fühlt.
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Der Wolf im Schafspelz
Mit der wohligen Sicherheit gesellschaftlicher Integration in Form von Strandpartys und anderen gruppendynamischen Aktivitäten lockt „Die Welle“ ihre jugendlichen Rekruten aus allen Schichten und Gruppierungen heran und zeigt so, dass die üblicherweise betriebene Aufklärung über den Faschismus meist zwar dessen grausames Finale zeigt, sich über seine schleichenden und durchaus lockenden Anfänge jedoch vergleichsweise ausschweigt. Unklar bleibt dennoch, warum der Regisseur am Ende des Werkes seinen zuvor so ausgewogen auf dem Phänomen verheerender gruppendynamischer Prozesse liegenden Fokus plötzlich deutlich auf Einzelschicksale verschiebt, einen Schuldigen sucht und findet und die Aussage des Films damit leider deutlich reduziert. In Summe stellt „Die Welle“ jedoch, auch durch die schauspielerisch sehr überzeugend agierenden jungen Darsteller, einen emotionalisierenden und rasanten Aufklärungsfilm dar, der die mittlerweile häufig zum Überdruss gewordenen pädagogischen Klischees geschickt umgeht und sein Publikum durch einen lauten und schnellen Film zum stillen Nachdenken bringt. Empfehlenswert.
Die Welle Nach der Buchvorlage von Morton Rhue "The Third Wave" (Die Welle)
Regie: Dennis Gansel
Darsteller: Jürgen Vogel, Frederick Lau, Max Riemelt, Jennifer Ulrich, Christiane Paul, u.a.
Produzen: Christian Becker
Kamera: Torsten Breuer
Musik: Heiko Maile
Drehbuch: Dennis Gansel, Peter Thorwarth
FSK: ab 12 Jahren
Verleih: Constantin
Dauer: 108 Minuten