Wer es schafft, fünf Minuten lang auf das Cover des Buches Blindband von Gilbert Adair zu schauen, ohne verrückt zu werden oder Amok zu laufen, der sollte ernsthaft in die engere Auswahl für den Friedensnobelpreis aufgenommen werden! Und wer es schafft, an diesem Buch auch nur eine langweilige Szene, einen einzigen unbedeutenden und unpassenden Satz oder eine einzige falsch gesetzte Pointe zu finden, der wird die berühmt berüchtigte Stecknadel im Heuhaufen gefunden haben. An diesem Buch, so viel sei mal vorweg genommen, gibt es eigentlich nichts aber auch gar nichts auszusetzen.
In Form des klassischen Kammerspiels, das allein von den Dialogen der beiden auftretenden Protagonisten lebt (und das sehr sehr gut), schildert Gilbert Adair, den viele als Autor des Krimis Mord auf ffolkes Manor kennen, das Verhältnis des alternden berühmten Schriftstellers Sir Paul, der nach einem schweren Autounfall erblindet und entstellt ist, zu seinem via Zeitungsannonce eingestellten Sekretär. Dieser soll nun auf Diktat des Schriftstellers dessen Biografie niederschreiben. Anfangs klappt auch alles ganz wunderbar, John Ryder, so der Name des Sekretärs, freundet sich mit den Macken und schrulligen Eigenheiten des Schriftstellers an, lernt mit ihnen umzugehen, und es entwickelt sich ein scheinbar harmonisches Arbeitsverhältnis zwischen den beiden. Doch dann beginnt Ryder Sir Paul erst kleinere dann aber immer heftigere Lügengeschichten aufzutischen, die dieser wegen seiner Blindheit und auch wegen seiner langjährigen Selbst-Isolation nicht wirklich nachprüfen kann. Klar, dass dann auch diese Dinge mit in die Memoiren einfließen und Sir Paul knapp davor ist, sich selbst und sein persönliches wie literarisches Denkmal zu desavouieren. Ein zufälliger Anruf bei seinem Lektor öffnet ihm - diese Geschmacklosigkeit sei an dieser Stelle erlaubt - die Augen. Als Sir Paul seinen Sekretär daraufhin zur Rede stellt beginnt das, was Adair als Motto seinem Roman vorangestellt hat: "Eine Geschichte ist dann zu Ende gedacht, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat."
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Das Zitat stammt von Friedrich Dürrenmatt - und passender hätte es nicht gewählt sein können. Adair schafft es, die schlimmstmögliche Wendung in dieses atmosphärisch so dichte Meisterwerk zu integrieren, ohne dass irgendetwas aufgesetzt oder arg konstruiert wirken würde. Michael Maar hat diesen Roman, der zuerst 1999 auf Deutsch erschien ein "Höllengewächs" genannt: Eine bessere Vokabel für diesen vielschichtigen und so klugen Roman wird man wohl kaum finden können.
Es ist ein Roman über Abhängigkeiten, über das Wesen dessen, was man Wirklichkeit nennt, über Blindheit, die tatsächliche Blindheit und die im übertragenen Sinne, über das Schreiben, über den Literaturbetrieb über Einsamkeit, Isolation und über die Vergangenheit, über Rache und Vergeltung. Und als wäre der Aufzählung nicht schon genug: Es ist ein Roman, der eine ungeheure Spannung aufbaut, die sich schlagartig entlädt, dabei aber nicht vergisst, das Ganze mit einer ungehörigen Menge an Humor, Sarkasmus und diabolischem Grinsen zu veredeln.