Leckereien auf nackter Haut präsentierten Kim Basinger und Mickey Rourke vor mehr als 20 Jahren erfolgreich in dem Kinohit 9½ Wochen. Der Fotograf Ulrich Grolla enttäuscht mit seinem Versuch, Desserts ähnlich attraktiv mit nackter Haut zu verbinden.
Eins sei vorab festgehalten: Es hat nicht an der Qualität der Fotos von Ulrich Grolla gelegen, dass sein Buch „Desserts für Verliebte“ nicht das hält, was es verspricht. Nein, Grollas Bilder belegen im Großen und Ganzen, dass er sein Handwerk bestens beherrscht. Vielmehr die süßen Kreationen, die der Untertitel verspricht, lassen es an Raffinesse und Einfallsreichtum fehlen, um die Bezeichnung „Kreation“ zu verdienen. Dies gilt selbst unter den Einschränkungen, die das Anrichten auf der bloßen Haut verlangt. Der Meinung scheinen selbst die Autoren zu sein, denn Rezepttipps oder Zubereitungshinweise sind äußerst knapp gehalten. Und auch der Einfallsreichtum des Fotografen ist doch recht beschränkt auf wenige Zonen des weiblichen Körpers. Dass die maskuline Epidermis als Tellerersatz durchfällt, sei mal großzügig toleriert. Aber dass solch empfindliche und durchaus für sinnliche Knabbereien empfängliche Regionen wie der Nacken und die Schultern auch bei den weiblichen Modellen komplett unberücksichtigt bleiben, zeugt nicht gerade von künstlerischer Kreativität.
Die Mehrzahl der süßen Verlockungen wurden, ganz einfallsreich, auf bzw. um die Brustwarzen drapiert, in den Bauchnabel gefüllt oder aber über die Lendenwirbel geschüttet. Dabei ist der Fotograf meist so großzügig mit den zumeist flüssigen Leckereien umgegangen, dass sich diese in Strömen in die intimsten Regionen des weiblichen Körpers ergießen. Nun, man fragt sich zuweilen, ob das Ganze tatsächlich nur zur Anregung oder vielmehr als Rechtfertigung gedacht ist. Ist im Vorwort noch davon zu lesen, dass Naschen ein „spielerisches, sinnliches und auch etwas heimliches Knabbern“ sei, fragt man sich dann doch, wo hier alle Heimlichkeit hin entschwunden ist.
Und wie gesagt, die Kreationen sind teilweise doch recht einfach gehalten. Der geneigte Betrachter darf die weibliche Brustwarze in so manchem Kostüm bewundern. Liebesperlen, Puderzucker und Kristallzucker, Himbeeren, Johannisbeeren und Sternfrüchte, Honig, Schokoladensoße und perlender Champagner zieren hier den weiblichen Busen. Alles hübsche Bildchen, aber wie gesagt, jedoch kann von Kunst kaum die Rede sein. Im Bauchnabel hat Ulrich Grolla vorwiegend flüssige Speisen in Szene gesetzt. Unter den Bedingungen des „Alles ist im Fluss“ hat Grolla hier allerdings immer wieder sein Talent durchblitzen lassen und sein gutes Timing für das perfekte Bild bewiesen.
Anzeige Im Lendenwirbelbereich, wo inzwischen eine Vielzahl junger Frauen ihrem Rücken ein zweifelhaftes Schönheitssignum namens „Arschgeweih“ hat angedeihen lassen, serviert Grolla vorwiegend festere Speisen, wie zum Beispiel roten Wackelpudding, Himbeerboden oder Champagnertorte. Einige wirklich ansehnliche und vor allem sinnliche Inszenierungen sind Grolla nichts desto trotz gelungen, so der Vanillepudding mit Erdbeeren, die Zabaglione oder das Erdbeermousse, die alle auf dem gesamten weiblichen Oberkörper angerichtet sind und so nicht nur eine erogene Zone beanspruchen.
„Desserts für Verliebte“, nun einige sind ganz gewiss dabei und ein paar weitere eignen sich mit wenigen Einschränkungen. Aber einzelne Vorschläge fallen selbst für die Verliebtesten gänzlich aus. Flambieren auf nackter Haut klingt eher nach Mittelalter, als nach leidenschaftlicher Verliebtheit. Der Begriff der heißen Liebe ist hier wohl etwas zu weit getrieben worden. Da nützt auch der schriftliche Hinweis der Autoren wenig, dass „die Kombination von heißen Flüssigkeiten und nackter Haut schnell zu schmerzhaften Verletzungen führen“ könne.
Ein Lob gebührt zweifelsfrei den Modellen, die Ulrich Grolla „mit viel Geduld und Disziplin“ in seiner Arbeit unterstützten, wie er selbst im Nachwort schreibt, und dabei so manchen Temperaturunterschied meistern mussten – die Bilder belegen es unzweifelhaft. Dennoch ein recht nüchternes Fazit. Weder Kochbuch noch Kunst, nichts Halbes und nichts Ganzes. „Desserts für Verliebte“ – zweifelsohne ein Buch, das die Welt nicht braucht. Einzig wenige Photos entschädigen für den enttäuschenden Gesamteindruck.
Ulrich Grolla
Desserts für Verliebte. Sinnlichkeit zum Anbeißen – Süße Kreationen auf nackter Haut. Fotografien von Ulrich Grolla. Mit Texten von Kerstin Matthies, Brigitta & Markus Gumpricht.
Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Februar 2008
96 Seiten, gebunden, 14,90 Euro
ISBN 10: 3896028136
ISBN 13: 978-3896028136