Silvia Bovenschen, geboren 1946, lebt als Literaturwissenschaftlerin und Essayistin in Berlin. 2000 wurde sie mit dem Roswitha-Preis der Stadt Bad Gandersheim und dem Johann-Heinrich-Merck-Preis der Deutschen Akademie für Sprache und Dichtung ausgezeichnet, 2007 erhielt sie den Ernst-Robert-Curtius Preis für Essayistik. Zuletzt erschienen »Älter werden« (2006), »Schlimmer machen, schlimmer lachen« (1990) und »Über-Empfindlichkeit. Spielformen der Idiosynkrasie« (2000).
Erzähle, bitte!
Wir erzählen einander Geschichten. Permanent. Warum tun wir das?
Ein Freundeskreis, ein fester Kern, einige lose Bekannte. Von ihnen allen lässt sich Daniela Geschichten vom Verschwinden erzählen. Gustav erzählt ihr von einer Frau, die auf offner Strecke aus dem Zug steigt, Josepha vom Riesen auf einer Nordseeinsel, eine nervöse Dame beichtet einen Anschlag auf das Christkind, und Olga ist verzweifelt, weil in ihrer Wohnung eingebrochen wurde, man hat ihr den Laptop gestohlen, nun ist alles weg, ihre Adressen, ihre Mails, alle ihre Aufzeichnungen. Auch die Beamten der Spurensicherung glauben an die Endgültigkeit dieses Verschwindens. Konrad erzählt von Isolde, deren neuer Freund, in den sie sich so sehr verliebt hatte, plötzlich und ohne Ankündigung vom Erdboden verschluckt zu sein scheint.
Daniela kommt nicht mehr hinaus in die Welt, ist also angewiesen auf die Erlebnisse anderer. Oder ist das vielleicht nur ein Vorwand? Versucht Daniela in Wahrheit mit den Geschichten vom Verschwinden gegen das Verschwinden anzukämpfen? Denn nichts ist unheimlicher als die Lücke, die jemand hinterlässt, der verschwindet. Bald reden und schreiben alle nur noch vom Verschwinden. Das hat Daniela erreicht. Mit radikalen Auswirkungen.
»ein exquisites Lesevergnügen«
Gunhild Kübler, Neue Zürcher Zeitung am Sonntag, 9.3.2008
»›Verschwunden‹ ist ein hochempfindliches, verletzliches Buch. Es zeigt die Nachtseite einer Frau, die wunderbar zu glänzen und zu strahlen versteht, um es anderen leicht zu machen. Zöge sie für etwas in den Kampf, dann wäre es die ›gute Laune‹. Dass sie das so umgangssprachlich nennt, und nicht etwa von Heiterkeit spricht, dem philosophisch würdigeren Begriff, zeichnet sie ebenso aus wie die Liebeserklärung an die Gefährtin, die sie in ihrem Buch versteckt hat.« Meike Fessmann, Der Tagesspiegel, 12.3.2008
»Man muss dieses Buch aushalten, so, wie Silvia Bovenschen selbst es augehalten hat. Es ist eine Kampfansage an die Feigheit, eine Liebeserklärung an das Leben.«
Rose Maria Gropp, Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.3.2008