»Er schaut mich immer noch an. Das Wasser ist grün, Luftblasen steigen auf. Sein Gesicht leuchtet weiß zwischen dem Moos und den Unkrautschlingen.
Ich schaue ihn an, und da spricht sein Mund meinen Namen durch das stumme Wasser. Ein Schwall von Luftblasen explodiert auf seinen Lippen. Sie stürzen auf mich ein, heften sich auf meine Augen und mein Gesicht und einen Augenblick bin ich blind. Dann steigen sie sprudelnd nach oben ins Licht, dorthin, wo es Tag ist, und ich kann wieder sehen. Ein einziges Mal erhasche ich noch einen Blick auf seine Augen, dann wenden sie sich von mir ab, dem Schattenland entgegen, und sein Gesicht wird von dem dunklen Grün um uns herum verschluckt.
Er ist verschwunden.«
Charlie und Max waren unzertrennlich. Gemeinsam haben sie alte Fabrikgelände, Schrotthalden und die Kanäle der Umgebung unsicher gemacht. Dort ihre Mutproben abgehalten. Und dann ist Max ertrunken.
Charlie kann das nicht glauben. Zumal sie immer wieder seine Nähe spürt, nachts in den Träumen gelangt sie ins Schattenland, in das Max verschwunden ist. Dort folgt sie der Spur ihres Freundes. Sie will ihn zurückholen.
Ihr Bruder ist nicht begeistert. Er befürchtet das Schlimmste, nämlich, dass seine Schwester den Tod nicht akzeptieren kann, auch wenn sie sich am Tag scheinbar vernünftig gibt. James weiß das besser. Sie verschweigt, was sie beschäftigt und auch ihr Therapeut glaubt nur, dass sie ihm alles erzählt.
Anzeige
Dann sieht Charlie die Wölfe. Sie verfolgen sie im Traum und schließlich auch in der Wirklichkeit.
Jonathan Stroud, der Autor der Kultbücher um den Dämon Bartimäus hat ein Jugendbuch geschrieben, das sich ganz schwer einordnen lässt. Fantasy ist es nicht, dazu gibt es zuviel Realität, Abenteuer auch nicht, am ehesten wäre Psychothriller noch treffend. Lange Phasen zieht das Buch einen hinein, kann man es nicht aus der Hand legen. Dazwischen gibt es auch immer wieder Beschreibungen, von Landschaften, Gebäuden und leider sind Beschreibungen nicht Strouds Stärke.
Trotzdem lässt einen das Buch nicht los. Das liegt am Thema, an der Frage: Gibt es ein Schattenreich, kann Charlie ihren Freund zurückholen oder ihm folgen? Das ist die Stärke und die Schwäche des Buches.
Das Buch wirkt auch ungleich bedrohlicher als andere Fantasybücher. Nicht weil es besonders blutig oder grausam ist. Ganz im Gegenteil. Aber weil es so realistisch ist. Weil es das Thema Sterben und Tod und die Traumata, die diese verursachen, derart hart schildert. Ich weiß nicht, ob man es Kindern in die Hand drücken sollte, die tatsächlich einen Verwandten oder Freund verloren haben.
Auf jeden Fall sollte man in diesem Fall die Altersbegrenzung einhalten. Jünger als elf sollten die Leser nicht sein. Was nicht bedeutet, dass das Buch schlecht ist, ganz im Gegenteil.
Jonathan Stroud Die Spur ins Schattenland (Originaltitel: The Leap)
Aus dem Englischen von Bernadette Ott
Jugendroman ab 11, Omnibus, Dezember 2007
Taschenbuch, 314 Seiten, Euro 10,00
ISBN-10: 3570218473
ISBN-13: 978-3570218471
Jonathan Stroud über »Die Spur ins Schattenland«: »Mir ging es darum, zu erforschen, wie Fantasie und Realität aufeinanderprallen können. Das Buch ist aus zwei Sichtweisen erzählt; aus der Sichtweise von Charlie, die glaubt, etwas Mysteriöses sei geschehen, und aus der Sichtweise ihres Bruders James, der das nicht glaubt. Der Leser muss selbst entscheiden, auf wessen Seite er steht.«