Ein schicksalhaftes Jahrhundert und ein Leben in der Fremde
Einem Gesang aus Worten gleich erzählt Cécile Wajsbrot aus dem Leben einer jungen Frau.
Sie steht auf dem Bahnsteig in Paris und will in eine Stadt gen Osten fahren, aus der ihre Vorfahren stammen, in die polnische Stadt Kielce. Der Zug kommt nicht. Er hat Stunde um Stunde Verspätung. Sie wartet mit vielen anderen und hängt ihren Gedanken nach, die wie in einem Traum in ihr aufsteigen und wieder abklingen.
Dabei gedenkt sie ihrer Vorfahren und dem Fremdheitsgefühl, dem man als Fremde überall in der Welt begegnet.
Die Vorfahren waren jüdischer Abstammung und kamen aus Polen. Sie gingen weg, bevor es zur Verfolgung und Ausrottung durch die Nazis kam. Das Schicksal der Verfolgten, Geächteten und zuletzt Abgeschlachteten hängt wie ein Schatten über der Familie. Man spricht nicht darüber, und es gibt keine Aufklärung. Umso düsterer und umwölkt bleiben die Gedanken mit Fragen nach dem eigenen Sein.
Der Inhalt des Buches lässt sich kaum wiedergeben. Es geht um Gedanken, Gefühle, Reflexionen und eine Vielzahl von Eindrücken, denen eine sensible Erzählerin Ausdruck zu geben versucht. Die lyrisch-poetischen Wortgebilde erinnern an einen Gesang, der von einzelnen Dialogstimmen unterbrochen wird. Fragen nach dem Woher und Wohin sind verpackt in Erinnerungen, in denen es nur Fragen aber keine Antworten gibt.
In der Tradition großer und bekannter jüdischer Autoren beschreibt Cécile Wajsbrot das Dasein als ewig Fremde, der die Wurzeln verloren gingen, die sie auch nicht mehr ausfindig machen kann. Dabei legt die Autorin Wert darauf, dass sie keine jüdische Geschichte erzählt, sondern dass es ihr um die Symbolhaftigkeit von Verlust und Entwurzelung geht.
Niemand aber, der eine Geschichte von der Flucht aus Polen und dem Krieg beschreibt, wird leugnen können, dass damit die Assoziation an die Judenverfolgung verbunden bleibt.
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Gleichsam als dräuendes Ungemach begleiten die Schicksalsschläge des 20. Jahrhunderts, bei der Hunderte und Tausende ihr Leben lassen mussten, angefangen bei den beiden Weltkriegen, dann der Judenvernichtung bis Hiroshima, diesen Abgesang auf das vergangene Jahrhundert.
Als Parabel auf die Einsamkeit des Individuums mag das Schicksal und Leben der Schneeeule gelten, das in kurzen Zwischentexten erwähnt wird. Anklänge an die griechische Mythologie sind dabei zu entdecken.
Das Werk lebt von symbolischer Stärke und einem ausgeprägten Sprachgefühl. Fast einem Gedicht gleich werden die Gedanken eingebunden und folgen dem Schicksal einer Frau, deren Generationenfolge für immer vor ihr verborgen bleibt.
Ernst, tragisch und von tiefen Gefühlen getragen bewegt sich die Geschichte immer weiter, ein Ende gibt es nicht.
Man liest das Buch mit wachen Sinnen, weil man sich dem Klang der Sprache und dem Ernst des Untergangs nicht entziehen kann.
Die Übersetzung von Holger Fock und Sabine Müller ist ausgezeichnet. Sie haben den Ton dieses schwierigen Textes genau getroffen. Céciel Wajsbrot ist eine außergewöhnliche und beachtenswerte Autorin. Sie lebt in Berlin und Paris.
Cécile Wajsbrot Aus der Nacht Übersetzt von Holger Fock und Sabine Müller
Liebeskind Verlag
Februar, 2008
ISBN: 3935890516
Gebunden, 218 Seiten
Preis: 19,80 Euro
Eine junge Frau steht auf einem Bahnsteig und wartet auf ihren Zug. Sie will nach Osten reisen, nach Polen, in jene Stadt, die ihre Großeltern einst verlassen hatten und die für sie nur mehr eine ferne Abstraktion ist. Dort hofft sie, Licht in die von Leid geprägte und später verdrängte Geschichte ihrer Familie zu bringen. Doch bald schon melden sich in ihrem Innern die Stimmen der Vergangenheit und beginnen einen schmerzvollen Dialog mit der Gegenwart. In ihrer dichten, lyrischen Prosa beschreibt C‚cile Wajsbrot das Schicksal einer Frau, die sich nicht damit abfinden will, dass ihren Fragen nach früher stets mit Schweigen begegnet wird. ¯Aus der Nacht® ist ein eindringliches Buch über die Narben einer Generation, die von Tod und Vertreibung selbst verschont wurde und doch für immer davon geprägt.