Die Romane des französischen Autors Michel Houellebecq sind berühmt und umstritten zugleich. Provokative Offenheit bei der Schilderung von Sexszenen, Sympathie für obskure Sekten, unverhohlene Diffamierung tatsächlich existierender Personen und fremdenfeindliche Äußerungen, die seine Charaktere von sich geben, sorgen bei jeder Neuveröffentlichung für Debatten und Skandale – und für hohe Auflagenzahlen. Wer aber ist der Mann hinter den Skandalromanen?
Seit Beginn seiner Karriere hat Houellebecq die Spuren verwischt, die zu ihm führen. Das beginnt schon beim Namen – Houellebecq heißt eigentlichThomas,Houellebecq ist der Mädchenname seiner Großmutter. Auch das Geburtsdatum, das er gemeinhin angibt, ist falsch. Die Spuren zu anderen Personen hingegen verwischt Houellebecq oft weniger, als es das schriftstellerische Ethos – und bisweilen sogar die Gesetzeslage – gebieten würden. In „Ausweitung der Kampfzone“ etwa finden sich zahlreiche Kollegen, mit denen Houellebecq in seinem ehemaligen Broterwerb als Programmierer zusammengearbeitet hat, unter ihren echten Namen wieder.
Der Journalist Demonpion hat die verwischten Spuren bis in Houellebecqs Kindheit akribisch nachverfolgt und rekonstruiert. Dazu sprach er mit zahlreichen Zeitgenossen und Weggefährten Houellebecqs, von Freunden und Arbeitskollegen bis hin zu Verlagsmitarbeitern.Die unauthorisierte Biographie ist das Ergebnis dieser aufwändigen Recherche – auf 300 Seiten wird hier das Leben und Wirken Houellebecqs von der Kindheit zwischen Algerien und Paris über sein Studium und seine ersten literarischen Gehversuche bis hin zu späten Großerfolgen aufgefächert.
Wenngleich Houellebecq anpassungsfähig ist – seine ehemaligen Arbeitskollegen bezeichnen ihn als ruhig, kompetent und umgänglich – so scheint er als Schriftsteller anzuecken, wann immer er zum Stift greift oder auch nur ein Interview gibt. Die Gründe hierfür bleiben meist im Dunkeln – ist er einfach ein schlechter Interviewpartner, der seine Worte nicht mit Bedacht wählt und sich leicht provozieren lässt? Oder ist er vielmehr der eiskalte Provokateur, der im Hinterkopf bei jeder Zweideutigkeit die zusätzlich verkauften Exemplare mitzählt? Der nicht einmal vor der falschen Behauptung zurückschreckt, seine Mutter sei unlängst verstorben, um sich weiter im zweifelhaften Ruhm sonnen zu können?
Diese Fragen vermag Demonpion nicht zu beantworten.
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Überhaupt bleibt die Motivation des Journalisten im Dunkeln. Sind die ersten Kapitel, in denen über Houellebecqs turbulente Kindheit und seinen schweren Start in die Literaturwelt berichtet wird, noch von Einfühlsamkeit geprägt, so werden in den späteren Kapiteln immer mehr die unangenehmen Facetten von Houellebecqs Charakter herausgearbeitet. Und schließlich gipfelt das Buch in einer polemischen Abrechnung mit dem bislang letzten Roman „Die Möglichkeit einer Insel“, in der sich Demonpion geradezu genüsslich daran weidet, dass dessen Verkaufszahlen weit hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind.
Interessant ist auch die Inkonsequenz des Journalisten: zu Beginn wirft er Houellebecq vor, in seinem Aufsatz über den Schriftsteller H.P. Lovecraft dessen fremdenfeindliche Einstellungen nur dargestellt zu haben, ohne sich kritisch davon zu distanzieren. Später zitiert er entsprechende Passagen aus Houellebecqs Roman „Plattform“, ebenfalls ohne jeden kritischen Kommentar.
Wer ist dieser Steinewerfer im Glashaus, dieser Demonpion?Ein verbitterter Schriftstellerkollege, der Houellebecq den Erfolg neidet? Oder jemand, der noch eine Rechnung offen hat? Diese Biographie wirft mehr Fragen auf, als sie beantwortet, reiht vielfach schlicht bekannte Fakten und Romanzitate, die im Klappentext versprochenen Enthüllungen bleiben aus. Obgleich detailreich recherchiert und angenehm geschrieben, verrät dieses Buch kaum mehr über Houellebecq, als man nicht schon wusste. Da vieles in Houellebecqs Romane zudem autobiographischen Ursprungs ist, wirkt das Buch auf langen Strecken wie eine Nacherzählung von „Ausweitung der Kampfzone“ und „Elementarteilchen“. Daher kann man dieses Buch getrost stehen lassen und stattdessen zu den Originalen greifen.
Denis Demonpion Michel Houellebecq – Die unauthorisierte Biographie Aus dem Französischen von Barbara Grabski
Verlag Schwarzkopf & Schwarzkopf
300 Seiten
ISBN-10: 3-89602-688-7
ISBN-13: 978-3-89602-688-0