Jules Maigret. Es gibt nur wenige literarische Figuren, die zum Inbegriff eines ganzen Genres geworden sind. Maigret ist solch ein Protagonist. Geschaffen und erfunden hat ihn der belgische Schriftstellers Georges Simenon, der mit seinen insgesamt fast 300 Romanen zu den meistgelesenen Autoren gehört. Eine beachtliche Zahl, die allein nur noch durch die Anzahl der Frauen, mit denen Simenon ein Verhältnis gehabt haben will, getoppt wird: 10.000 (!). Allein Maigret taucht in 89 Kriminalromanen als Hauptfigur auf - und von all seinen Romanen hat es vor allem die Maigret-Reihe geschafft, bis heute noch Kult zu sein.
Einen Kult, den der Diogenes Verlag auch beinahe mustergültig fördert. Pünktlich zum 80. Geburtstag Maigrets, am 26. September 2009, wird bei Diogenes die im April 2008 anlaufende voraussichtlich 75 Bände umfassende Gesamtausgabe vollendet sein. Flankiert wird diese Ausgabe von Hörbüchern, die parallel dazu erscheinen. Eines dieser Hörbücher, das nun quasi frisch aus der Presse den Platz in den CD-Player gefunden hat, ist Maigret und der Weinhändler.
Nach einer kurzen aber heftigen Affäre mit seiner Sekretärin wird der reiche Weinhändler Oscar Chabut auf offener Straße niedergeschossen. Kommissar Maigret beginnt, so weit so unspektakulär, nach und nach die Familie und die Angestellten des Weinhändlers zu befragen; Aussage für Aussage fügen sich nun die einzelnen Puzzleteile zu einem biografischen Bild eines Mannes, der sich zäh und rücksichtslos von ganz unten emporgearbeitet hat. Anders als in vielen Maigret-Romanen, in denen vor allem Paris zu Ehren kommt, konzentriert sich Simenon hier sehr stark auf die Person des Weinhändlers. Spannung wird zwar durch die allseits beliebte Frage erzeugt, wer ihn nun letztlich auf dem Gewissen hat, doch vordergründig gelingt Simenon eine beeindruckende Charakterstudie eines interessanten und mit vielen Ecken und Kanten ausgestatteten Mannes, der scheinbar folgerichtig den Hass und die Aggression seiner Mitmenschen auf sich zieht. Kurze Nebenhandlungen und zahlreiche launige und humorvolle Beobachtungen geben der Handlung den letzten veredelnden Schliff, der auch diesen Roman zu einem typischen Maigret-Roman macht.
Anzeige Besticht die Print-Version schon, kann das Hörbuch mit seinem Sprecher Gert Heidenreich mindestens als ebenbürtige Publikation über die Ziellinie einlaufen. Mit der gewohnt sonoren, sehr angenehmen und souveränen Stimme kann Heidenreich dem Text seinen Stempel aufdrücken, ohne dass dies dem ursprünglichen Charakter schaden würde. Vielmehr wurde mit Heidenreich offenbar genau die Stimmfarbe getroffen, die die besondere Atmosphäre dieses Romans ausmacht und zusätzlich unterstützt.
Simenon gehört sicherlich nicht zu den genialsten und anspruchsvollsten Autoren. Was er aber den meisten anderen seiner Kollegen bis heute voraus hat, das ist die Seele, die er vor allem den Maigret-Romanen mitgegeben hat, die diese Bücher - und damit auch speziell den vorliegenden Band- zu etwas Besonderem machen und die ziemlich problemlos den Test-of-Time bestanden haben und dies wird aller Wahrscheinlichkeit nach auch weiterhin so sein.
Georges Simenon Maigret und der Weinhändler. Ungekürzt gelesen von Gert Heidenreich Aus dem Französischen von Hainer Kober
Diogenes, April 2008
4 CDs (278 Minuten), EUR 19,90
ISBN 10: 3-257-80207-2
ISBN 13: 978-3257802078