Gernot hat keine nennenswerte Familie und würde seine Silberhochzeit am liebsten im kleinen Kreis feiern - oder auch gar nicht. Barbara hingegen weiß, was sie ihrer Familie schuldig ist, ihrer riesigen, kaputten, traurigen Familie, die sich inzwischen über drei weitverzweigte Generationen erstreckt.
Die Silberhochzeit soll mit der ganzen Familie im großen Rahmen gefeiert werden, dabei ist klar, dass in der Ehe von Gernot und Barbara längst nicht alles zum Besten steht. Ihre Unzufriedenheit mit ihrem Leben, seine Abhängigkeit im Job, all das entlädt sich immer wieder und wieder, bis schließlich der Kauf eines Wäschekorbs zum Politikum wird. Dennoch besteht Barbara darauf, die Feier bei sich zu Hause auszurichten und all die Schwäger, Cousins, Onkel und Tanten wiederzusehen.
Dass auch deren Leben mehr oder minder zerrüttet ist, wird schnell deutlich. Da sind Scheidungen, Krankheit und Erinnerungen, die sich einfach nicht abschütteln lassen. Deutsche Geschichte hat ihren Stempel ebenso hinterlassen wie Familiengeschichte oder einfach nur die Politik eines skrupellosen Machtmenschen, der einer kleinen Stadt wie Neuenburg einfach den Geldhahn abdrehen kann. Die Weichen für eine denkwürdige Feier sind gestellt.
Eine Familienchronik über mehrere Generationen? Da streckt mancher schon beim Lesen des Klappentextes die Waffen, und das mit Recht. Wie oft haben wir schon Romane gelesen, bei denen ein Schicksal das andere jagt, bis die Probleme sich schließlich doch in Liebe und Wärme auflösen. Doch Sabine Friedrich gelingt das Kunststück, dem alten Genre neue, wirklich ungewöhnliche Seiten abzugewinnen.
Anzeige
Da ist zum einen der Aufbau. Anstatt die Geschichte chronologisch aufzubauen, gestaltet die Autorin die verschiedenen Schicksale wie ein Puzzle, bei dem jeder Teil lose, doch immer überrauschend folgerichtig mit dem anderen verbunden wird. Dabei kommt es immer wieder zu Wechseln der Zeitebenen und der Schauplätze, doch auch die fügen sich nahtlos und ohne größere Verwirrung in die Geschichte ein.
Zum anderen – und das ist beinahe noch wichtiger – fehlt der süßliche Zuckerguss, mit dem die meisten Romane dieser Art übergossen sind. Trotz aller Probleme ist der Leser daran gewöhnt, dass schließlich Blut doch dicker ist als Wasser und dass zumindest für diesen einen Abend schließlich Streitereien doch zurückgestellt oder behoben werden. Sabine Friedrich hingegen wählt einen Weg, der weitgehend unversöhnlich und daher sowohl realistisch als auch erfrischend wirkt. Krankheit, Versagen und Lieblosigkeit werden nicht vergoldet, im Gegenteil, auch die Unschuldigen, die durch Zufall in den Dunstkreis der Familie gezogen werden, zahlen ihren Tribut. Am Ende legt der Leser das Buch ohne das erwartete wohlige Gefühl aus der Hand, aber mit der Erinnerung an einen lesenswerten Roman.
Fazit: Überraschend realistische und unversöhnliche Familienchronik