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Ein liebender Mann PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Dominik Nüse, am 20-03-2008 16:45
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Martin Walser - Einliebender Mann Fragt man, ob es in den Werken Martin Walsers eine wiederkehrende Konstante gibt, so würde man recht schnell auf folgende Formel kommen: Das Scheitern am Leben. Egal, ob seine Protagonisten Zürn, Kristlein, Halm oder Gern heißen, sie alle vereint eine gewisse Lebensunfähigkeit - zumindest Naivität. Naivität in dem Sinne, als sie sich all zu sehr auf ihr Eigenes, ihr Innerstes verlassen und dadurch mal mehr, mal weniger brutal ausgenutzt, verletzt oder missverstanden werden.

Nun sollte man immer höchst vorsichtig sein, vom Charakter der Protagonisten auf deren Autor zu schließen, doch im Falle Martin Walsers, der seit seinem Erstling, dem Geschichtenband"Ein Flugzeug über dem Haus" aus dem Jahre 1955 eine Vielzahl von Romanen, Dramen, Essays, Gedichten und latent unterschätzten Hörspielen veröffentlicht hat, kann man durchaus eine Ausnahme machen. Wie kaum ein anderer Schriftsteller propagiert Walser nicht nur durch seine Protagonisten sondern auch in seinen Essays, Reden und Interviews das Primat des Gefühls. Dass sich Gefühle schneller ändern können, Bauchentscheidungen sich im Nachhinein vielleicht eher als Fehlentscheidungen herausstellen können als das bei rein rational handelnden Menschen der Fall sein mag, nimmt er in Kauf - immerhin sieht sich Walser in der Sprache, besser: in seiner Sprache, seine Heimat, sein Ich verwirklicht. Und so ist sein Umgang mit der "Wirklichkeit" auch immer ein Ringen um Worte. Das Ergebnis lässt sich in beinahe jedem seiner Werke exemplarisch nachlesen.

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Nun ist in diesem Frühjahr ein weitere Roman Walsers - und um es gleich vorweg zu nehmen: ein hinreißender hinzugekommen."Ein liebender Mann", so der Titel. Doch wer dahinter eine Schnulze oder "altersgeile" (Frau Heidenreichs Kommentar zu den vorletzten Werken Walsers und Roths) Prosa vermutet, der sieht sich gehörig getäuscht. Held seines Romans ist Johann Wolfgang von Goethe, der sich bei seinem Kuraufenthalt 1823 in Marienbad in die neunzehnjährige Ulrike von Levetzow verliebt. 54 Jahre liegen zwischen ihnen, gesellschaftlich ein Tabu und ein gehöriges Risiko für Goethe. Doch beinahe trotzig stellt Geheimrat  Goethe fest: "Meine Liebe weiß nicht, dass ich über siebzig bin. Ich weiß es auch nicht." 

Und so benimmt er sich phasenweise wie ein verliebter Teenager, der nicht so recht weiß, wohin mit seinen Gefühlen, seinem Ich, und vor allem wohin mit ihm und "seiner" Ulrike. Eine eigentlich unfassbare aber von Walser sehr dicht und virtuos beschriebene Szene ereignet sich dann auf einem Fastnachtsball, wo er als Werther verkleidet auftritt und Ulrike, ohne vorherige Absprache mit Goethe, als Lotte. Und dann folgt, was folgen muss - Goethe hält um Ulrikes Hand an, die ihm aber verwehrt wird. Goethe macht, was Dichter gerne tun und tritt die Flucht in die Lyrik an. Das Ergebnis: Die Marienbader Elegien! Im Gleichschritt mit seiner emotionalen Niedergeschlagenheit verschlechtert sich auch Goethes Gesundheitszustand rapide. Aus dem liebenden Mann wird am Ende ein gescheiterter, desillusionierter Mensch, der erkennt, dass Ulrike letzten Endes nicht die himmlische, Zeit und Raum entrückte Person ist, in die er sich verliebt hat, sondern ganz profan als Projektionsfläche "fleischlicher Begierde" fungierte.

Auf diesem Weg begleitet Walser Goethe beinahe minutiös und legt die Gedankenwelt sowie das Gefühlschaos schonungslos und doch respektvoll offen. In vielen Passagen läuft Walser dabei zur Hochform auf. Eine derartige Dichte an absolut konzisen und luziden Aphorismen über die Liebe wird man in kaum einem anderen Werk zu lesen bekommen. Stellenweise fühlt man sich an die genialen Meßmer-"Romane" Walsers erinnert - nur diesmal gibt's eine kohärente Handlung dazu. Und so fügt sich Ein liebender Mann nahtlos in das Oeuvre Walsers ein und zeigt wieder einmal - und wieder gleichzeitig artistisch und beneidenswert leicht - wie jemand, nennen wir ihn nun Goethe oder Walser, der Leser sowieso, in der Sprache, sei sie noch so hermetisch, Zuflucht sucht und findet.

Ein Meister- und Alterswerk!

Bibliographische Angaben

Martin Walser
Ein liebender Mann
Rowohlt, 2008
288 Seiten, gebunden mit Lesebändchen
Preis: 19,90 Euro
ISBN: 349807363X

Podcast

Veronte Version der Rezension:

Martin Walser

 

 

 


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Letztes Update: 28-04-2008 16:57

Veröffentlicht in : Buch, Buch des Monats
Schlüsselworte : Martin Walser, Ein liebender Mann, 349807363X, Goethe, Ulrike von Levetzow, Werther, Lotte, Marienbader Elegien
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