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Ismail Kadare Spiritus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Karl-Otto Siebert, am 10-07-2008 09:00
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Favoriten 17

spiritus120.jpg„Der Rabe wird schwärzer, wenn er erblindet“

Tschechows Drama „Die Möwe“, in dem sich alle möglichen Gruppen langweilen und sich das Leben durch gegenseitige Sticheleien zur Hölle machen, ist das Leitmotiv eines Romans über die alptraumhafte Atmosphäre, die ein diktatorisches Regime durch ihr allumfassendes Misstrauen erzeugt.
Schon durch die Wahl seines Leitmotivs schafft es Ismail Kadare seinem Roman „Spiritus“ einen zeitlosen Charakter zu geben. Tschechow lässt in der „Möwe“ seine Protagonisten sowohl an ihren Träumen als auch der Realität scheitern, und bei Kadare begibt sich die paranoide Staatssicherheit der atheistisch-kommunistischen Diktatur Albaniens letztlich erfolglos auf einen Feldzug gegen Spiritismus, Mythen und Legenden.

„Das Chaos“

In der Rahmenhandlung versuchen westliche Wissenschaftler nach einem Phänomen zu suchen, in dem sich das gesamte Wesen von Schreckensherrschaft so stark verdichtet, dass es eine „über die Grenzen dieses Lebens hinausweisende Qualität“ (S. 10) aufweisen müsste. Aber sie verzweifeln im post-kommunistischen Ostblock auf ihrer Suche nach dem Kern des Bösen an Schweigsamkeit der befragten Bürger. Ein Teil der Bevölkerung bleibt stumm, weil er das Begehren nicht versteht, aus noch vorherrschender Angst nicht verstehen will, oder aber die Leiden verdrängt. Der andere Teil schweigt jedoch deshalb schamhaft, weil er in die Durchsetzung der Schreckensherrschaft involviert war. Sprachlich und stilistisch fühlt man sich in diesem ersten Teil an den Heinrich Böll der 70er Jahre erinnert, der - wie hier Kadare - in einer fast sachlichen Berichtsweise Ironie und schwärzesten Humor herrlich zu verbinden vermochte.

„Die Enthüllung“
Die Forscher werten alle möglichen Dossiers aus und stoßen dabei auf den Teil einer Akte, deren oberflächlicher Inhalt ihnen ein Ergebnis vorgaukelt, das sie nicht verstehen. Denn im zweiten Teil wird all dem erzählt, was auch Tschechow an Motiven in seiner „Möwe“ verarbeitet hat: von Liebe, Solidarität, von der Tristesse des Alltags, der Undurchschaubarkeit der Politik.
Der alternde Diktator, dessen Namen nie genannt wird, in dem man aber ohne Schwierigkeiten Envar Hodscha erkennt, erblindet. In panischer Angst vor subversiven Äußerungen lässt er sich von seinem letzten verbliebenen Verbündeten, China, mit elektronischen Abhörgeräten ausstatten. Die kleinsten, aber leistungsstärksten werden liebevoll „Prinzessinnen“ genannt. Der Offizier der Staatssicherheit, Adrian Vogli, soll nun mit ihrer Hilfe erlauschen, was sich hinter dem verbotenen Sprichwort vom Raben, der noch schwärzer wird, wenn er erblindet, verbirgt, ohne selbst zu wissen, warum. Er stößt dabei auf den Ingenieur Shpend Guraziu, der einer ausländischen Delegation als Übersetzer dient, aber durch seine Teilnahme an einer spiritistischen Sitzung sich und sein Umfeld in den Fokus der Stasi gebracht hat.
Hier treibt der Autor stilistisch ein raffiniertes Doppelspiel mit dem Tschechow-Motiv aus der „Möwe“, des Lauschens und Verstummens, der enttäuschten Liebe und der daraus erwachenden Eifersucht. Auf surreale Weise wird der Leser in diesem Kapitel durch eine lebendige und fesselnde Sprache, die die Charaktere vortrefflich ins Bild setzt, vergnügt, während Kadare ihn gleichzeitig in einem philosophisch anmutenden Essay mit der albanischen Mythologie und dem Kontrastfeld Mythos und Moderne bekannt macht.

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„Die Ablagerung“
Der beste Nährboden für die Bildung von Mythen, die sich in einer kapitalistischen Welt gut vermarkten lassen, sind Ereignisse, für die man keine rationale Erklärung liefern kann. Und da von Seiten des Staates so gerne alles verschwiegen wird, fördert er selbst das mit, was er so dringend bekämpfen will. Als Adrian Vogli herausfindet, dass Tote zu sprechen scheinen und die Lebenden aus Angst vor der Macht der allgegenwärtigen „Prinzessinnen“ schweigen, trifft auch ihn „Tschechow“: Im Moment seines größten Triumphes – er soll die Ermittlungsergebnisse dem Führer präsentieren – scheitert er an der Realität. Er trifft auf den Doppelgänger des Diktators, den dieser als seinen "Schatten" beschäftigt und verwirkt damit sein bisheriges Dasein, weil es die Staatssicherheit in ihrem Wahn gebietet, an ihm ein neues Mittel der Unterdrückung auszuprobieren – das Mittel des Stumm-Machens. Sprachlich greift hier wieder der „Böll-Stil“ und in einem essayistischen Kulturreport wird die Handlung zum Abschluss gebracht: Zuerst kamen die Wissenschaftler, dann die Journalisten, gefolgt von Drehbuchautoren – und als die alle abgezogen waren, da entdeckten Reisebüros den materiellen Wert dieser Ballade.

Fazit
Dieser Roman zeigt auf eine überraschende Weise, wie Diktaturen und ihre Machenschaften literarisch verarbeitet werden können. Die Fabel könnte überall und zu jeder Zeit auf der Welt spielen und spiegelt damit wie eine Parabel die Mechanismen des Bösen, die die westlichen Wissenschaftler wohl deshalb nicht zu erkennen imstande sind, weil auch sie „im Wald stehen und ihn vor lauter Bäumen nicht sehen“.
Dieses Buch ist es wert, viele Leser zu finden; es wäre ihm auch zu wünschen, als Schullektüre verwendet zu werden, aber da hat der Ammann Verlag für Deutschland eine Entscheidung getroffen, die das verhindert: Die Weigerung seine Bücher nach den Regeln der gültigen Rechtschreibung zu drucken, wird die meisten Gymnasiallehrer davon abhalten, Bücher dieses Verlages für den Literaturunterricht auszusuchen. Schade!

Bibliographische Angaben


Ismail Kadare
Spiritus

Ammann, 2007
293 Seiten, gebunden, EUR 19,90
ISBN 9783250600473 

 

 

 

 

 


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Letztes Update: 10-07-2008 09:34

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Diktatur, Spiritismus, Albanien, Staatssicherheit, Ausspionieren, Misstrauen, Parabel, Liebe, Solidarität
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