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Kurzmitteilung PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Karl-Otto Siebert, am 11-03-2008 11:40
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KurzmitteilungDie Folgen einer SMS über das Ende von Frau Anfang

Laut Grimmschen Wörterbuch wird "Wahn" als "Erwartung, dass etwas Günstiges eintreten" werde, definiert.  Und wenn in Navid Kermanis Roman "Kurzmitteilung" der Protagonist gleich zu Beginn mit dem Tod einer ihm nur flüchtig bekannten Kollegin konfrontiert wird, so hat der Leser ob seiner Reaktion auf diese Nachricht, das Gefühl, er werde sein Leben ändern. Ein Leben, in dem - bisher gesellschaftkonform  - der Tod zwar medial ständig durch Berichte über Abtreibung, Selbstmordanschläge, Verkehrsunfälle oder Sterbehilfe in jedweder Form so präsent wie unser tägliches Brot, den man aber verdrängte, wenn er persönlich zu werden drohte.

Dariusch, der Ich-Erzähler in diesem Roman, ist sich unsicher, wie er den Tod eines Verwandten oder Bekannten für sich selbst verarbeiten und für sein soziales Umfeld kommunizieren soll. Was bedeutet ihm selbst und anderen der würdevolle, anständige, gesellschaftsfähige Umgang mit ihm? Über diese persönliche Unsicherheit denkt er nach und glaubt, es gebe wahrscheinlich einen geheimen gesellschaftlichen Konsens der Verdrängung.

In der äußeren Handlung erhält Dariusch den Auftrag, die Verabschiedung des Ford-Deutschland-Vorstandsvorsitzenden als Event zu gestalten. Während eines vorbereitenden Treffens wird ihm von der Koordinatorin, Korinna, mit der er gerne Sex hätte, seine zukünftige Kontaktperson bei den Ford-Werken vorgestellt. Als er wieder in Spanien weilt, erhält er per SMS die "Kurzmitteilung", dass diese Person völlig überraschend gestorben sei. Ohne sich seiner Gefühlsgemengelage bewusst zu werden, beschließt er, nach Köln zurückzukehren und bietet ihrer Kollegin, der Mutter und ihrem Freund an, sie bei allen Beisetzungsangelegenheiten zu unterstützen. Doch plötzlich wird ihm das zu viel, er glaubt, an der Beerdigung nicht teilnehmen zu können, setzt sich in den Zug nach Barcelona um der Situation zu entfliehen und erhält wiederum eine "Kurzmitteilung", in der er zu einem Treffen mit dem Vorstandsvorsitzenden gerufen wird, was ihm schmeichelt. Dennoch tippt nach er dem ordinären Gedanken "Ach verpißt euch" in sein Handy den Satz "Bin schon auf dem weg nach spanien. Mußte dringend weg. Melde mich morgen. War schön gestern. D."

Wenn der Roman an dieser Stelle zu Ende gewesen wäre, hätte man sich als Leser getäuscht gefühlt. Dariuschs "Wahn" sei in Form von Verantwortung, Erwachsensein nur kurz aufgeflackert, aber Kermani habe einen modernen Roman geschrieben, deren Hauptdarsteller immer am Leben scheitern. Aber es gibt noch ein letztes Kapitel, das nach einem Zeitsprung von mehreren Jahren einen Rückblick auf die Ereignisse wirft und das den Leser zwingt, den Protagonisten neu zu beurteilen.

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Dieser Protagonist tritt als Ich-Erzähler auf, der sein Leben als so erfolgreicher Event-Manager verdingt, dass er sich einen Zweitwohnsitz in Spanien leisten kann. Zu Beginn des Romans erscheint er intelligent, erfolgreich und sensibel, um sich im Verlauf der Handlung immer rückhaltloser sprachlich und von seiner Einstellung her als oberflächlicher egozentrischer "Mann ohne Eigenschaften" zu entlarven, dem allerdings – anders als bei Musil – das Dämonische fehlt, dessen Dummheit und Niedertracht einem als Leser nur auf die Nerven geht, ohne jedoch dem Bedürfnis, das Buch in die Ecke zu keilen, nachgehen zu können.

Und darin liegt wohl das Verdienst des Autors, die Gefühle, Stimmungen, Einstellungen seines Erzählers so zu präsentieren, dass man trotz aller Ablehnung dessen Selbstgefälligkeit wissen möchte, ob der Wandel seiner Lebenseinstellung hält, den die SMS, die ihn aus Spanien nach Köln holte, ausgelöst hat.

Darius erscheint als typischer Selfmade-Unternehmer, der erfolgreich in seinem Job agiert, von seinen Gedanken her aber an jeden Stammtisch passte. Er hat zu allem eine Meinung, die er sprachlich zunächst zwar simpel, aber von der Wortwahl her, angepasst äußert. Mit fortschreitender Vertrautheit, die Kermani durch eine affirmative Erzählhaltung geschickt erzeugt, wird die Figurenrede immer vulgärer. Damit distanziert sich der Leser aber auch leichter von dem Weltbild, das der Erzähler ihm mittels des Inneren Monologs präsentiert. Am Ende des 11. Kapitels hat es diese im Job erfolgreiche, aber menschliche Niete dann endlich geschafft, absolut unsympathisch zu wirken.

Dieser Erzähler erliegt keinem "Wahn" im eigentlichen Wortsinn, sondern dem Bedeutungswandel dieses Wortes, nämlich "Einbildung, Sinnestäuschung", weil er Politik, Wirtschaft und das andere Geschlecht immer nur danach beurteilt, inwieweit sie ihm zur Befriedigung dienen. Am Ende bleibt die Befürchtung, dass Kermani diesen Protagonist als pars pro toto konzipiert hat, zumal das letzte Kapitel den Leser irritiert und zweifelnd das Buch mit dem geäußerten Kompositum "Wahnsinn" entlässt, nicht wissend, ob die Lektüre weiterzuempfehlen ist.

Bibliographische Angaben



Navid Kermani
Kurzmitteilung
Ammann Verlag, 2007
160 Seiten, 17,90 Euro
ISBN: 9783250601043





Klappentext

»Tut mir leid, es dir so zu sagen, kann jetzt aber nicht anders. Meine kollegin maike anfang ist gestorben, die mit uns noch whisky trinken war. Einfach so. Ich weiß gar nichts mehr. Liebe grüße, korinna.«Per SMS erfährt der knapp 40jährige Eventmanager Dariusch in seinem Rückzugsort Cadaqués vom Tod einer entfernten Bekannten. Naturgemäß ist er zunächst irritiert, sogar bestürzt über die so plötzliche wie abstrakte Konfrontation mit dem Tod. Aber da er die Frau nur flüchtig kennt, findet er zunächst keinen Grund, aus der Routine des Sommerabends auszubrechen. Sein Leben und das Leben als solches wird weitergehen, als wäre Maike Anfang nicht gewesen.Doch etwas sperrt sich in ihm dagegen, zur Tagesordnung überzugehen. Wieso stirbt Maike Anfang? Wieso stirbt jemand einfach so? Wenn ihr Tod ohne Grund war, muß es dann nicht auch sein Leben sein? In der Schlaflosigkeit des frühen Morgens beschließt er, sich in den Zug zu setzen und zurückzukehren nach Köln. Er will die Umstände des To
des erfahren oder wenigstens bei der Beerdigung anwesend sein. Er will der Verstorbenen gedenken. Kurzmitteilung ist die Geschichte einer Auflehnung gegen den Lauf der Dinge und zugleich ein höchst verstörender Kommentar zur Zeit. Ein Roman über die Alltäglichkeit des Todes und das Tödliche unseres Alltags.





Letztes Update: 11-03-2008 11:43

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Navid Kermani, 978325060104, , Kurzmitteilung Köln, Cadaqués, Lebenskrise, Scientology, 3250601047
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