Autobiographien sprießen heutzutage wie Unkraut aus literarischem Boden. Eine gehörige Portion Selbstverliebtheit und Exhibitionismus ist schließlich Voraussetzung, um Schlagzeilen zu machen. Dabei sind längst nicht alle Memoiren auch unbedingt lesenswert. Das meint auch Moderator Herbert Feuerstein, der im Rahmen der litcologne durch einen Themenabend voller Memoiren führt. Ein Großteil der Medienstars schriebe seine Erinnerungen doch schon nieder, bevor sie sie erlebten, meint er. Die aber kommen hier natürlich nicht zu Wort. Für die Veranstaltung „Durch die Kurven der Zeit“ hat man nämlich die autobiografischen Schätze jener Menschen gehoben, die Spannendes erlebt und berichtet haben.
Die Textauswahl ist bunt, mal ernst mal heiter. Nicht bloß zusammengestückelt, sondern aufeinander abgestimmt. Katherine Hepburn erzählte von ihrer bedingungslosen, aufopfernden Liebe zu Ehemann Spencer Tracy. Als Gegenstück zu dieser Hollywoodlegende folgt ein Auszug aus Arthur Millers Erinnerungen an seine Ex-Frau Marilyn Monroe. Der, so Feuerstein, „im Lachsack versteckte Philosoph“ Wilhelm Busch verfasste ein Gedicht über seinen Lebenslauf - der berühmte Philosoph und Kirchenvater Aurelius Augustinus reflektierte über den Tod seiner Mutter. Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez beschrieb seinen Lesern, wie er zum Mann heranwuchs - Anna Wimschneider, die schreibende Bäuerin, erinnerte sich in „Herbstmilch“ an den manchmal beängstigenden Weg vom Mädchen zur Frau. Lorenzo da Ponte, der Texter dreier berühmter Mozartopern, erzählte von seiner Schifffahrt in die Neue Welt, Charles Chaplin hingegen von seiner problematischen Ausreise aus den Staaten.
Ein bisschen wie Charly Chaplin, im schwarzen Gehrock, die Fußspitzen nach außen gedreht, steht auch Musik-Kabarettistin Tina Teubner auf der Bühne. Gemeinsam mit ihrem Pianisten Ben Süverkrüp sind ihre Chansons das musikalische Sahnehäubchen des Abends. Die Lieder lockern nicht nur das Programm, sie machen es zu einer runden Sache. Ihre deutschen Texte unterstreichen mal bissig, mal melancholisch, mal frech, mal zart das Gelesene. Gespannt wartet das Publikum auf jede nächste überraschende Zeile.
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Wie gewohnt präsentiert die litcologne namhafte Stimmen, die dem Zuschauer einen wohligen Hörgenuss bescheren: hier sind es die beiden Schauspieler Gustav Peter Wöhler und Charles Brauer sowie die WDR-Moderatorin Katja Ruppenthal, die man am liebsten gleich mit nach Hause nehmen möchte, damit sie einem dort weiter vorlesen kann. Herbert Feuersteins Moderation ist angenehm leichtfüßig, nicht zuviel und nicht zu wenig, mit viel Humor und genügend Ernst. Der kleine Mann hat alles im Griff und dirigiert seine Kollegen auf der Bühne und am Ton-Mischpult mit dezenten Handzeichen. Das Ergebnis ist ein harmonisches Zusammenspiel und ein gutes Timing.
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Hier erleben die Zuschauer einen Literaturabend, der weder Comedy ist, noch die eigene Intellektualität feiert. Viel mehr geht es hier um die Literatur selbst. Kein neuer Bestseller, der vermarktet werden soll, kein Verlagsprogramm, das vorgestellt wird. Einfach nur Literatur pur. Schon der Ort des Geschehens, die doch recht unspektakuläre Aula eines Gymnasiums, zeigt deutlich, dass es hier um Inhalte geht: das ist nicht so ausgefallen wie ein über den Rhein schipperndes Literaturschiff, nicht so glamourös wie ein großes Schauspielhaus, wohl nicht einmal so trendy wie eine der vielen kleinen Bühnen. Auch das Publikum ist authentisch. Hier muss sich niemand mit Hornbrille und schwarzem Rollkragen uniformieren weder sind flatternde Leinenkleider und Ohrringe aus Tibet Pflicht.
An diesem Abend hat einfach alles gestimmt. Und er hat bewiesen, spannend und entspannend passt irgendwie doch zusammen.
Wer sich jetzt ärgert, nicht selbst dort gewesen zu sein, für den gibt es noch eine Möglichkeit in den Genuss dieser wunderbaren Veranstaltung zu kommen: am Sonntag, 9. März 2008, um 15:05 h sendet der Radiosender WDR5 die Aufzeichnung des Literaturabends „Durch die Kurven der Zeit“ in der Sendung „SpielArt“.
Heinrich Heine Mein Leben. Autobiographische Texte. ausgewählt von Joseph A. Kruse
Insel Verlag, November 2005
205 Seiten, EUR 8,-
ISBN-10: 3458348549
ISBN-13: 978-3458348542
Anna Wimschneider Herbstmilch. Lebenserinnerungen einer Bäuerin gelesen von Maria Singer
Steinbach Sprechende Bücher, Februar 2008
4 CDs, ca. 238 Minuten, EUR 14,99
ISBN-10: 3886984850
ISBN-13: 978-3886984855
Sebastian Haffner Geschichte eines Deutschen. Die Erinnerungen 1914 - 1933 gelesen von Walter Kreye
Dhv der Hörverlag, Oktober 2007
4 CDs, ca. 300 Minuten, EUR 24,95
ISBN-10: 3867171823
ISBN-13: 978-3867171823