Bevor der Leser zum Tiger von Paris durchdringen kann, muß er die Hürde des Rolin'schen Schreibstils überwinden. Wer sich von dem Jose Samaragos' abschrecken läßt, dem wird "Die Papiertiger von Paris" sicherlich einige Mühen bereiten. Doch wer viel Zeit und Muße nimmt, der wird einen kleinen literarischen Schatz, entdecken.
Ohne Absatz, wörtliche Rede und mit gelegentlichem Wechsel der Erzählperspektive und einer nicht enden wollenden Ansammlung von Namen und Fakten wird man zu Beginn der Lektüre nahezu überrumpelt. Doch mit jedem Satz wird man mehr in die Geschichte hineingezogen; eine Geschichte, erzählt von Martin, einem Mann, knapp 60 Jahre alt. Er fährt in der Millenniumsnacht in seinem Citroen DS über die Autobahnen nahe Paris. Neben ihm sitzt die Tochter seines besten Freundes, der vor Jahren unter sonderbaren Umständen verstarb. Ihr erzählt Martin seine Erinnerungen von damals, als er mit dem Vater de Mädchens, als Mitglieder einer radikalen linken Gruppe die Welt aus den Angeln heben wollten. Mit der heute so verbreiteten politischen Ahnungslosigkeit hört sie zu und unterbricht ihn mit Bemerkungen. Doch auch oder gerade diese Ahnungslosigkeit trifft am Ende den verletzbaren Kern der Geschichte und des Lebens Martins.
Martin erzählt, wie er und seine Gefährten Pässe fälschten, Piratensender aufbauten, Geld für Flugblätter beschafften und sich in immer abenteuerlichere Aktionen verstrickten. Dabei geht es um Mao Zedong einst das Idol Martins Studentengeneration. Er machte seinen Anhängern Mut, indem er die Imperialisten als "Papiertiger" abtat.
Doch es kam alles anders...und heute bekennt sich so mancher Revolutionär von einst zu seinen damaligen Verirrungen. Olivier Rolin war in seiner Jugend selbst militanter Maoist.
Die Papiertiger von Paris kann daher fast autobiographisch, als Roman der Protestgeneration von 1968 gesehen werden. als eine Aufarbeitung der eigenen wilden politischen Vergangenheit, die Rolin jahrelang im Untergrund gefangen hielt. Rolins Roman ist eine literarische Entdeckung.
Über den Autor:
Olivier Rolin wurde 1947 geboren. Er ist Autor mehrerer Romane wie "L'Invention du monde" (1993) oder "Port-Soudan", für den er 1994 den Prix Fémina erhielt, schrieb Reiseberichte wie "En russie" (1987) oder Reportagen für "Libération" und den "Nouvel Observateur". Er lebt gegenwärtig in Paris und arbeitet im Verlagshaus Éditions du Seuil.
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Olivier Rolin Die Papiertiger von Paris (Originaltitel: Tigre en Papier) Aus dem Französischen von Sabine Herting Karl Blessing Verlag 256 Seiten, gebunden, EUR 20,00 ISBN 3-89667-236-3