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Bericht von der lit.cologne PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Julia Hisge, am 04-03-2008 16:44
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Favoriten 44

NachrichtSchriftsteller trifft Politiker – Michael Kumpfmüller trifft Gerhart Baum

Sonntagabend in der Kölner Südstadt, es ist der dritte Tag der lit.cologne. Ein eher älteres Publikum hat sich eingefunden, um Autor Michael Kumpfüller (Döblin-Preis 2007)
und den ehemaligen Innenminister der Jahre 1978 – 1982 Gerhart Baum zu sehen und zu hören. Und wie bei allen Veranstaltungen des Kölner Literaturfests ist das Haus rappelvoll und die Stimmung gut.

„Nachricht an alle“ heißt Kumpfmüllers neuer Roman. Ein Buch über ein namenloses Land und einen Mann namens Selden. Der hat als Innenminister mit bedrohlichen sozialen Unruhen im eigenen Land und mit Terror-Bedrohungen von Außen zu kämpfen, die seit dem 11. September Thema sind. Doch Selden ist nicht nur in seiner Rolle als Politiker verhaftet, sondern gezeigt wird hier auch der Mensch Selden, der privat in schweren Zeiten steckt.

Souverän, mit angenehmer Stimme liest Kumpfmüller Passagen aus seinem neuen Roman. „Was ist ein Staat?“ fragen darin die Kinder ihre Mütter. Und die versuchen nun zu erklären, jemand müsse doch dafür sorgen, dass es Kindergärten und Schulen gebe, dass abends die Straßenbeleuchtung eingeschaltet, dass dort wo ein Baum gefällt auch ein neuer gepflanzt werde. Das alles macht eben der Staat, erklärt der Chor der Mütter. Fast kann man sich vorstellen, Michael Kumpfmüller habe als kleiner Junge mit seiner Mutter ähnliche Gespräche geführt. Denn auf die Frage, warum er sich einen politischen Stoff für sein Buch ausgesucht habe, antwortet er schmunzelnd, seine Mutter sei Kommunalpolitikerin gewesen – in Bayern – bei der SPD. Da werde man als Sohn häufig gefragt, wie es denn mit dem eigenen politischen Engagement stehe. Dieses Buch sei nun, so witzelt Kumpfmüller, seine späte Antwort.

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Im Ernst. Politikern werde in unserer Gesellschaft nur zu oft mit Verachtung und einem Gefühl der Überlegenheit begegnet. „Ich wollte diese Ressentiment-Maschine abschalten“, erklärt Kumpfmüller. Schließlich seien Politiker keine Zombies. Auch er selbst sei nicht frei von Vorurteilen gewesen, gesteht er. Man erwarte eben, dass Politiker alles können und begegne ihnen mit Verachtung, wenn dies dann nicht der Fall sei.

In „Nachricht an alle“ geht es um einen Menschen, der ein Leben im Ausnahmezustand führt, und nicht bloß um einen Politiker und sein Programm. Der fiktive Innenminister Selden steckt in privaten genauso wie in politischen Krisen. Denn neben den Unruhen im Land, muss er den Tod der eigenen Tochter verkraften, die zu Beginn des Buches bei einem Flugzeugunglück ums Leben kommt. Und auch seine Ehe ist weit entfernt vom Idealzustand. So kommt es auch zu einem One-Night-Stand mit einer Journalistin, die ihm einfach nicht aus dem Kopf gehen will.

Gerhart Baum zeigt sich begeistert von Kumpfmüllers Roman. Vieles habe er, der ehemalige Minister des Inneren, wiedererkannt. Fasziniert habe ihn, dass es nicht bloß um Politik, sondern um die gesamte Lebenssituation des Innenministers Selden und seine Reaktionen gehe – da ist die Terrorgefahr, auf die er politisch reagieren muss, aber auch seine eigene Gefährdung, denn als Politiker ist er selbst vor Attentaten nicht sicher und muss stets von Bodyguards begleitet werden. Der Innenminister im Buch komme ihm ein wenig „deformiert“ vor, sagt Baum, denn nicht nur sein öffentliches Leben, sondern auch sein Privatleben befinde sich im Ausnahmezustand.

GrundrechteAuf die Frage, ob es Baum zu seiner Amtszeit in manchen Dingen ähnlich ergangen sei, erklärt er, dass es schon schwer sei, ein normales Leben zu führen. Freizeit habe ein Politiker eigentlich nie. Am Wochenende unterwegs auf Parteitagen oder auf Sitzungen diverser Gremien, den ganzen Tag ständig mit Beratern und Leuten im Büro zusammen, die fast wie eine Ersatzfamilie wirken, mit denen man sich aber ausschließlich über politische Themen austauscht.

Einen  großen Unterschied zwischen Herrn Baum und dem fiktiven Herrn Selden gibt es jedoch. Selden funktioniere zwar, habe jedoch keine Vision - in einer Welt zunehmender Individualisierung, Karrierefokussierung und einer Vormacht der Gesetze des Marktes gebe es nur noch wenige Menschen, die eine Lebensaufgabe verfolgen, meint Kumpfmüller. Ein postideologisches Zeitalter. Die Genschers und Wehners von einst, die schon aufgrund ihrer Biographien für ihre Werte eintraten, gebe es nur noch allzu selten. Baum hingegen gehört noch dazu. Er ist ein Kämpfer, ein Mann, der für seine Ideale steht.

Und obwohl Baum sicher viele Anekdoten aus seinem Leben erzählen könnte, kommt er immer wieder auf den Roman zu sprechen. Genau das zeigt, dass die beiden Männer sich gegenseitig echtes Interesse entgegenbringen. Denn auch Kumpfmüller ist keinesfalls fixiert auf sein Buch, er interessiert sich im Gespräch für die aktuelle Arbeit des Ex-Ministers. Baum ist nämlich der wohl prominenteste Kläger gegen den ausufernden Präventivstaat vor dem Verfassungsgericht. Erfolgreich war er gerade mit der Verfassungsbeschwerde gegen die Online-Durchsuchung. Und so entsteht eine Diskussion über die Vor- und Nachteile der Nutzung von Verbraucherdaten. Ist es nun gut, dass Amazon meinen Musikgeschmack kennt oder nicht? Eine endgültige Antwort auf diese Frage, bleibt natürlich offen. Der Abend geht viel zu schnell zu Ende. Zwei unheimlich sympathische, charismatische und interessante Männer, denen man gerne zuhört, sind mit viel Humor und Leidenschaft zusammengetroffen. Ein lebhafter Austausch zwischen Literatur und Politik.

Nachricht an alle

Michael KumpfmüllerNachricht an alle
Kiepenheuer & Witsch, Februar 2008
384 Seiten, gebunden, EUR 19,95
ISBN-10: 3462039679
ISBN-13: 978-3462039672

 

 

 

 

 

 

Rettet die Grundrechte!

Gerhart Baum
Rettet die Grundrechte! Bürgerfreiheit contra Sicherheitswahn
Kiepenheuer & Witsch, März 2008
208 Seiten, gebunden, EUR 16,95
ISBN-10: 3462039806
ISBN-13: 978-3462039801

 

 

 

 

 


Letztes Update: 04-03-2008 17:28

Veröffentlicht in : Magazin, Specials
Schlüsselworte : lit.cologne, michael kumpfmüller, gerhart baum, politiker, schriftsteller,
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