Man stelle es sich vor: ein Gedicht als bewegendes Zentrum einer öffentlichen Diskussion. So wie einst Jakob van Hoddis’ „Weltende“, das die epochale Initialzündung des literarischen Expressionismus bewirkte, oder Paul Celans „Todesfuge“, die der Debatte über die Ästhetik zum Holocaust einen neuen Platz zuwies. Eine solche Öffentlichkeit um das Gedicht ist heute kaum noch zu denken, die Lyrik scheint ihre Stellung im gesellschaftlichen Forum verloren zu haben.
Wo Vorurteile an der Achtung der wohl dichtesten Wortkunst nagen, tritt ein Online-Portal den Gegenbeweis an und zeigt, dass Lyrik in Deutschland ganz und gar nicht abgeschrieben ist. Abseits jeder qualitativen Einschätzung ihrer Publikationen liegt das größte Verdienst jener Online-„Bibliothek deutschsprachiger Dichtung“ eben genau darin, das Interesse der Deutschen am gedichteten Wort aufzuweisen, indem sie der Dichtung einen zeitgemäßen Raum gibt: in der „neuen Öffentlichkeit“, im Internet.
Dabei ist der Schritt über eine bloße Internet-Präsenz hinaus längst getan. Jahr für Jahr ruft das Online-Portal für deutsche Lyrik einen Wettstreit der Dichterworte aus und druckt die Ergebnisse in gebundener Ausgabe, mit der jüngsten zehnten Ausgabe expandiert sie sogar in der „materiellen“ Publikation: Der aktuelle Jahresband zählt monumentale 1024 Seiten, vier Gedichte pro Seite, darüber hinaus werden neuerdings die Gewinnergedichte auf CD vertont beigegeben. Selbst die grobe Unterteilung in die Bereiche „Gegenüber“, „Gesellschaft“, „Innenwelt“ und „Natur“ kann den Eindruck einer kaum zu ordnenden Textflut nicht verwehren. Auch bei der anstehenden aktuellen Wettbewerbsrunde, deren Stichtag im April ausläuft, ist mit einer ähnlich überbordenden Textmasse zu rechnen. Doch kann man von einer puren Textflut auf eine Öffentlichkeit schließen?
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Jeden Tag prangt auf der Startseite der Homepage ein neues Gedicht, die wichtigste Funktion der Seite ist jedoch der Gedichte-Wettbewerb. Den hundert besten Einsendungen winken Preise, darüber hinaus ist ihnen die Ehre einer Veröffentlichung im Jahrbuch sicher. Das ist freilich nur die halbe Wahrheit, denn veröffentlicht wird beinahe jede Einsendung. Auch die gegen Entgelt angebotene Bewertung des einzelnen Gedichts ist ob der Masse der Einsendungen kaum möglich: Schon die Beispielsgutachten zeigen, dass sie nach dem immergleichen Schema F geschrieben sind, das einer Kunst nicht gerecht werden kann, einem Gedicht schon gar nicht. Angesichts dieser ungefilterten Textauswahl könnte man den Machern Kalkül vorwerfen: Wenn der junge Stolz der Familie nur veröffentlicht wird, werden Tante Käthe und Oma Ilse den nicht ganz günstigen Gedichtband schon kaufen. Dabei übersieht man jedoch den größten Wert des Unterfangens: Und dieser liegt eben genau darin, DASS kaum eine Vorauswahl getroffen wird, dass der Leser keinen spreulosen Weizen serviert bekommt. Mit ihrer Publikation legt das Online-Portal etwas vor, was sonst nicht zu finden ist: Ein ungeschminkter Rundumblick über die tatsächlich geschriebene Lyrik des gegenwärtigen Deutschlands, abseits aller Vor-Eingrenzung und jenseits allen Schattendaseins, aus dem sonst nur einzelne Elite-Dichter hervortreten – und von der Masse übersehen werden. Wer könnte denn heute noch fünf gegenwärtige Dichter nennen?
Das Online-Portal beweist: Es wird geschrieben, auch mit öffentlichem Anspruch, wenn man der Dichtung nur ihren öffentlichen Raum gibt – und eben auch bei den Deutschen ist der Drang da, gerade diese dichteste Form der Wortkunst zu wählen. Das Gedichtete mag in ein scheinbar relevanzloses Schattendasein gehüllt sein, doch in diesen Schatten dichtet eben eine Masse – und gerade dies besitzt eine Relevanz. Das Interesse für die Form ist da, doch wo wird ihm Raum zur Diskussion gegeben?
Ein Auferblühen der Wortkunst oder ein bloßer Schein, eine Blüte? Ein Online-Portal vermag es vielleicht, einen Raum zu geben, doch was nach wie vor fehlt, ist die Diskussion. Dafür bedarf es eines expliziten thematischen Anreizes der Initiatoren, einzelne Gedichte müssen auf ihre Inhalte angesprochen werden. In der gegenwärtigen Öffentlichkeit unterbleibt dieser Schritt, es verbleibt beim puren, unbesprochenen Zeigen – und ohne diese Diskussion stünde selbst van Hoddis’ Gedicht vor seinem eigenen literarischen Weltende.