Sebastian hat alles richtig gemacht: Früh ist er aus seinem Heimatdorf in Niedersachsen geflohen und hat in Berlin angefangen zu studieren. Nach mittlerweile bestandenem Abschluss genießt er die "Subkultur", die sich ihm in seiner Wahlheimat bietet zusammen mit seinem besten Freund Jochen. Sein einziges Problem: In Berlin gibt es keine Jobs und alle schlagen sich mit mehr oder minder sinnlosen Praktika und Pseudo-Redaktionsjobs durch.
Um diesem Schicksal zu entgehen, nimmt er eine Stelle als Schwangerschaftsvertretung an, in einer Redaktion in München. Schlimmer kann es ihn kaum treffen und alle seine Freunde aus Berlin bedauern ihn, weil er nun ins Land der ewig Gestrigen und Hinterwäldler umsiedeln muss. Auch Sebastian selbst ist keineswegs erfreut über den Kulturschock, der ihn erwartet.
Und so schließt er mit Jochen einen Vertrag: Sollte er nach Ablauf eines Jahres nicht freiwillig nach Berlin zurückkehren, so hat Jochen die Vollmacht, ihn unter Anwendung von Gewalt wieder nach Berlin zu bringen.
Doch nach Ablauf eines Jahres, in dem er sich verliebt, von seinem urbayrischen Mitbewohner immer neue Lektionen in Bayrischer Tradition und Lebensweise (und natürlich der Sprache) erhält und sich mehr und mehr von Berlin entfremdet, ist das zuvor noch Undenkbare geschehen: "Waschtl", wie er nun liebevoll genannt wird, will gar nicht mehr weg.
"Na Servus! Wie ich lernte, die Bayern zu lieben" ist trotz seines doch eher bescheidenen Titels ein ganz grandioses Buch. Der Titel lässt einen zuerst skeptisch werden und vermuten, dies sei einfach ein Abklatsch von Jan Weilers "Maria, ihm schmeckt's nicht". Dieses Vorurteil muss man spätestens auf der dritten Seite revidieren, auf Seite zehn ist jeder erklärter Fan des Autors, der so lebendig und witzig seine Erfahrungen mit den Bayern und vor allem auch ihrer Sprache schildert, dass man nicht anders kann, als laut zu lachen.
Anzeige Darüber hinaus baut er eine so schöne, sich langsam entwickelnde, stille Liebesgeschichte in seinen Roman mit ein, die es allemal Wert ist, gelesen zu werden. Die Charaktere sind durch die Bank weg absolut authentisch und sympathisch, dabei aber keinesfalls flach dargestellt. Der Autor räumt schon im Vorwort ein, dass er vielleicht an der ein oder anderen Stelle ein wenig übertrieben hat, doch auch das tut der Story überhaupt keinen Abbruch.
Dieses Buch ist wie eine gelungene Mischung aus "Soloalbum" und "Maria, ihm schmeckt's nicht!", bestens geeignet für lange Bahnfahrten, bei denen man die Mitfahrenden neidisch machen will, weil die eigenen Lektüre offensichtlich so viel Spaß macht. Wer unfreiwillig nach Bayern zog, sollte dieses Buch dringend lesen. Wer Bayern mag auch. Und jeder, der noch keine Meinung oder keine Berühringspunkte mit Bayern hat, sollte es auch lesen.
Fazit: Ein wunderbar geschriebenes Buch, temporeich und doch nicht oberflächlich. Lesevergnügen ist garantiert. Sebastian Glubrecht muss unbedingt mehr in der Art schreiben!
Sebastian Glubrecht Na Servus! Wie ich lernte, die Bayern zu lieben Rowohlt Taschenbuch, 2007
224 Seiten, broschiert, 8,95 Euro
ISBN 10: 3499245337
ISBN 13: 978-3499245336