Jean-Christophe Rufin, Goncourt-Preisträger 2001, ehemaliger Staatssekretär im französischen Verteidigungsministerium sowie Ex-Vizepräsident von »Ärzte ohne Grenzen« und nebenbei auch noch Autor zahlreicher Essays und Romane, gilt in Frankreich als Nationalheiligtum. Soweit ist es in Deutschland zwar noch nicht, dennoch hat sich Rufin vor allem mit seinem letzten Roman Globalia einige deutsche Fans erschrieben.
Sein aktueller Roman Hundert Stunden war sechs Monate lang Platz 1 der französischen Bestseller-Liste, verkaufte sich mehr als 250.000 Mal und wurde mittlerweile in 12 Sprachen übersetzt und liegt nun auch im Fischer Verlag in einer deutschen Übersetzung vor. In diesem Roman, der von der Handlung her zwar als Krimi angelegt ist, dennoch über sehr viele philosophische und geopolitische Exkurse verfügt, geht es Rufin vor allem um die bedrohlichen Absichten und Ansichten einer Gruppe fundamentalistischer Ökologen, die – selbstverständlich zum Wohle aller – über Leichen gehen, um den Planeten zu »retten«.
Dabei beginnt die Geschichte eher unscheinbar mit einem Einbruch von Umweltaktivisten in einem polnischen Labor, wobei die gefangenen Tiere freigelassen werden – dass bei diesem Einbruch auch konservierte Cholera-Erreger den Besitzer wechseln, bleibt lange Zeit unbekannt. Denn tatsächlich hat es eine Gruppe von Umweltschützern darauf abgesehen, mithilfe der Cholera-Bakterien die Welt zu retten – indem die Ärmsten der Welt, die sich, so die Ideologie, planlos fortpflanzen und somit zur Überbevölkerung und den maßlosen Umweltzerstörungen beitragen, damit infiziert werden.
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Was Rufin hier romanhaft und fiktiv verarbeitet, ist leider nicht nur pure Fiktion. Die Ideen werden tatsächlich ernsthaft von einigen „Ökologen“ vertreten. So finden sich in diversen Handbüchern zur Rettung der Erde Sätze wie „Eine massive menschliche Mortalität wäre eine gute Sache. Es ist unsere Pflicht, sie herbeizuführen. Es ist die Pflicht unserer Gattung gegenüber unserer Umwelt, 90 Prozent unserer Masse zu vernichten.“ Anhand eines Begriffes wie „Masse“ im Zusammenhang mit Menschen, erkennt man leicht wes Geistes Kind diese Äußerung entstammt. Doch bevor nun der Eindruck entsteht, dieser Roman sei „nur“ ein Problemroman, der verschiedene Welt- und Umweltrettungsideologien aufeinander prallen lässt, sei gesagt, dass Rufin diese komplexe Thematik sehr geschickt in seine Handlung einbaut und auf verschiedene sehr plastisch-entworfene Charaktere verteilt, sodass es ihm gelingt allen theoretischen Exkursen zum Trotz eine Spannung aufzubauen, die sich immer mehr steigert. Und er erliegt nicht der Gefahr hier einen moralinsauren Roman mit eingebautem Zeigefinger zu kreieren bzw. Ökologen-bashing zu betreiben, wie es unlängst Michael Crichton in seinem Roman Welt in Angst getan hat.
Zudem kommt man als Leser in diesem Roman weit herum: Vereinigte Staaten, Frankreich, Polen, die Kapverdischen Inseln, man trifft Geheimagenten, junge Frauen, normale Bürger, die sich nach Abenteuern sehnen ... und Verrückte, die wild entschlossen sind. Rufin fährt also ein ganzes Kaleidoskop auf, das dem Leser mit jedem Kapitel neue Nuancen und überraschende Momente verschafft – und das ohne, dass sich der Autor verfransen würde! Eine der größten Leistungen dieses Buches.
Ein engagierter, dabei aber höchst unterhaltsamer, spannender und nachdenklich stimmender Roman über den Umgang mit der Umwelt und die Auswüchse eines falsch verstandenen Umweltaktivismus.
Jean Christophe Rufin Hundert Stunden
Aus dem Französischen von Brigitte Große und Claudia Steinitz Fischer, 2008
560 Seiten, gebunden, EUR 19,90
ISBN 10: 3100685091
ISBN 13: 978-3100685094