Es gibt ein wunderbares Bild von Albert Einstein. Darauf steht der Nobelpreisträger vor einer Tafel mit komplizierten Formeln und zählt an den Fingern ab, wie viel zwei und zwei ergeben. Einem Rechen- und Gedächtniskünstler wie Rüdiger Gamm kann wohl nicht passieren, dass er die Finger zur Hilfe nehmen muss. Er schwelge in Zahlen wie andere Menschen in schönen Erinnerungen, heißt es über ihn. Der Rechenkünstler ist bekannt durch Fernsehauftritte und internationale Wettbewerbe. Ihm wird nachgesagt, dass er in der Lage sei, bei sich Hirnzentren zu aktivieren, die sonst brach liegen.
Jetzt hat er gemeinsam mit seiner Lebensgefährtin Alexandra Ehlert ein Buch geschrieben, das vielleicht auch den Lesenden mehr Beweglichkeit im Hirn verschaffen kann. Voraussetzung ist dafür - wie bei allen anderen Künsten - das Üben, stundenlang, tagelang, Jahre lang einfach nur üben. Rechnen sei nicht leicht, es brauche Zeit, betont Rüdiger Gamm immer wieder, wenn er Anleitungen für die Aktivierung der Gehirnhälften notiert. Doch er will nicht entmutigen, sondern eher aufbauen und er nimmt- das macht den Charme des Buches aus- auch Faktoren in den Blick, die wir nicht unbedingt mit Rechenkünsten in Verbindung bringen.
Er beschreibt die für das Gehirn richtige Nahrung, warnt vor zu viel Zucker, er benennt die für die Fitness der grauen Zellen wichtigen Lebensmittel wie Bananen, Beerenfrüchte oder das Gewürz Curry. Er stellt Aktivierungsübungen und kleine Massagen vor, die leicht anzuwenden und nachzumachen sind. Er hat dem Buch einen Übungsteil mit Zahlenrätseln, Buchstabensalat und Wortgruppen angehängt, der Spaß macht, aber auch zeigt, dass tatsächlich gute Rechenkünste nicht in den Schoß fallen und die Hirnhälften erst einmal entrostet werden müssen.
Anzeige Um mit den Übungen wirklich trainieren zu können, müssen die Leser erst einmal durchschauen, dass es sich bei gewissen Zahlenreihen um die Potenzen, oder auch die Addition der Quersumme handelt. Sie müssen erkennen, dass bei Ländernamen zum Beispiel die Zugehörigkeit zu Kontinenten erkannt werden muss oder Tiere nach ihrer Hufbeschaffenheit zu sortieren sind.
Rüdiger Gamm, der wenig schmeichelhaft als lebender Taschenrechner bezeichnet wird, berichtet davon, dass seine Begabungen als Kind nicht erkannt wurden- im Gegenteil, er musste wegen fehlender Leistungen in Mathematik und Physik sogar ein Schuljahr doppelt absitzen. Eher zufällig, so ist zu lesen, entdeckte er sein Talent im Kopfrechnen und entwickelte künftig Methoden, um sein Erinnerungsvermögen zu steigern und die Gedächtnisleistung zu erweitern.
Grundvoraussetzung ist für die Aktivierung der meist brachliegenden Gehirnteile die Synchronisation der beiden Gehirnhälften. Wie das funktioniert, was Entspannung und genügend Schlaf ausrichten, das beschreibt das handliche Taschenbuch in leicht lesbaren Kapiteln nach dem Prinzip von „Man nehme“.
Zu den Übungen, die den Schlussteil bilden, gehören fairerweise auch die Lösungen, bei denen denjenigen, die falsch geraten haben, sicher immer wieder ein: „Ach so, ist ja klar“ herausrutschen wird. Die Übungen zeigen, wie wenig konzentriert und wie oberflächlich wir oft an Aufgaben, Fragen und knifflige Rätsel herangehen. Einem gut trainierten und aktivierten Hirn sollte dies dank Rüdiger Gamm nicht mehr passieren.
Rüdiger Gamm, Alexandra Ehlert Train your brain Die Erfolgsgeheimnisse eines Gedächtniskünstlers
Heyne, 2008
ISBN 10: 3453600649
ISBN 13: 978 3 453 60064 5