Es war eine ehrgeizige Vorstellung, die die Forschergruppe um Tim Berners-Lee 2001 formulierte: nie wieder Suchmaschinen wie Google! Nie wieder endloses Scrollen durch die Ergebnislisten, um endlich die eine Seite zu finden, die die gewünschte Information enthält! Stattdessen: eine intelligente Form des Internets, die selbständig Fragen sinnvoll beantwortet – das Semantic Web.
Diesem Internet könnte man Fragen in natürlicher Sprache stellen, zum Beispiel „Welches sind die zehn Staaten der Erde mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt?“, und das Internet würde eine Liste von zehn Staaten zurückliefern, vielleicht sogar mit der passenden Zahl. Und wenn erstmal alle Handys, Kühlschränke und Stereoanlagen vernetzt wären, könnte das Netz sogar selbst handeln, die Freundin zum Essen einladen, Zutaten einkaufen, das Rezept ausdrucken und die passende Musik zum romantischen Dinner bei Kerzenschein abspielen. Beeindruckend.
Seitdem sind einige Jahre vergangen. Wir suchen Informationen immer noch mühsam mit Google, unser Essen kaufen wir selbst im Supermarkt, und die meisten Menschen legen auch noch selbst CDs in ihre Stereoanlagen ein. Es scheint, als sei die Vision von Berners-Lee eine Vision geblieben. Dennoch: abseits des Mainstream-Internets, im elektronischen Handel zwischen Unternehmen oder der Organisation großer Mengen medizinischer Versuchsdaten werden die Semantic-Web-Technologien bereits gewinnbringend eingesetzt. Und hat nicht auch das WWW einst als kleines Forschungsnetz begonnen?
So, wie HTML die Sprache des herkömmlichen Web ist, gibt es auch Sprachen des Semantic Web – RDF, RDF-S und OWL. Diese Sprachen, ihre Möglichkeiten, Grenzen und Fallstricke, werden von den Autoren dargestellt. Bei der Darstellung der Sprachen fallen sie selten zu schwierigen Fachslang, sondern liefern eine gut nachvollziehbare Schilderung mit einfachen Beispielen, auch Übungsaufgaben runden die Kapitel ab.
Anzeige Bei den nachfolgenden Kapiteln dürften allerdings viele Leser, die ein Interesse am Thema Semantic Web gefunden haben, dieses Interesse wieder verlieren: eine wichtige Kerneigenschaft des intelligenten Netzes ist die Fähigkeit, neue Fakten aus den gegebenen Informationen abzuleiten oder diese auf Konsistenz zu prüfen – das sogenannteReasoning. Etwa die Hälfte des Buches ist solchen Schlussverfahren gewidmet und besteht damit aus viel Algebra, Formeln und Gleichungen. Immerhin: auch dieser Teil ist, was gerade für ein derart von Formalismen durchzogenes Forschungsgebiet nicht selbstverständlich ist, sehr klar und anschaulich geschrieben.
Doch das Semantic Web bietet mehr als nur Programmiersprachen und Algebra – vielversprechende Pilotprojekte und Einsatzszenarien, ausgefeilte Werkzeuge und Programmierumgebungen – von all dem ist in diesem Buch nicht die Rede. Was den Autoren fehlt, ist ein Blick über den Tellerrand der formalen Logik in die weite Forschungslandschaft, in der diese Techniken bereits eingesetzt werden. Auch Visionen, wie sich die Autoren den Einsatz des Semantic Web vorstellen, werden kaum geliefert. So bleibt der fade Beigeschmack von Sandkastenspielen, die ganz interessant erscheinen, aber wenig nützlich.
Semantic Web ist ein einfach geschriebenes und anschauliches Buch, das in die Grundkonzepte der Semantic-Web-Techniken einführt. Wer sich schnell in RDF, RDF-S und Co. einarbeiten muss und etwas Vorbildung in Logik und Algebra mitbringt, der trifft mit diesem Lehrbuch sicherlich eine gute Wahl. Für einen Überblick der Einsatzmöglichkeiten der neuen Technologien ist es dagegen weniger geeignet.
Pascal Hitzler, Markus Krötzsch, Sebastian Rudolph und York Sure Semantic Web Springer Verlag, 2007
278 Seiten, broschiert, 24,95 Euro
ISBN-10: 3540339930
ISBN-13: 978-3540339939