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Dein Name geht dir voraus PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Thomas Hummitzsch, am 22-02-2008 14:00
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Dein Name geht Dir vorausVerzweifelte Suche in Osteuropa

Ein Kunsthistoriker verschwindet in der Ukraine und seine Frau macht sich auf die Suche nach ihm. Maria Nurowskas neuer Roman ist ein kleines Lehrstück osteuropäischer Verhältnisse, dem es an Spannung nicht fehlt.

Es gibt Dinge im Leben, die sind und bleiben einfach unbegreiflich. Ein solches Ereignis beschreibt die polnische Schriftstellerin Maria Nurowska in ihrem Roman „Dein Name geht dir voraus“. Als Ort des Geschehens wählte die Polin das ukrainische Lemberg um den Jahrtausendwechsel, was einen spannenden Rahmen für einen Roman verspricht. Die Ukraine wurde damals von der starken Hand von Staatspräsident Leonid Kutschma geführt, im Süden Russlands zeitigte der zweite Tschetschenienkrieg seine Folgen, die Verhältnisse zum ehemaligen Bruderland Russland verschlechterten sich aufgrund einer diplomatischen Krise und die USA begannen mit ihrem finanziellen Engagement zugunsten der ukrainischen demokratischen Opposition.

Ein Großteil der Romanhandlung findet in Lemberg statt, diesem osteuropäischen Jerusalem, in dem jahrzehntelang Juden, Christen und Armenier friedlich Tür an Tür lebten. Ähnlich wie der nahöstliche Nabel der Welt hat auch Lemberg eine abwechslungsreiche Geschichte der Herrschaft hinter sich. Aus diesem Grund ist sie wohl auch nicht typisch ukrainisch geprägt, sondern trägt diese bunte Mischung aus polnischen, russischen, österreich-ungarischen und deutschen Einflüssen mit sich herum. Hinzu kommt der Einfluss der großen jüdischen Gemeinde, die hier bis zum zweiten Weltkrieg existierte.

Die Kunsthistorikerin Elizabeth und ihr Mann Jeff, der ebenfalls als Kunsthistoriker tätig ist, sind seit 18 Jahren verheiratet. Auch wenn die Connerys beide viel unterwegs sind und sich selten sehen, so führen sie wohl das, was man als einen intensiven Austausch beschreiben mag. Sie sind sich innerlich nah und fühlen sich, trotz aller körperlichen Ferne, glücklich verbunden. Die Grenzen ihrer Ehe sind klar abgesteckt und ein Seitensprung kann die grundsätzliche Vertrautheit nicht in Gefahr bringen. Die jahrelange innige Verbindung hat einen Urinstinkt in Elizabeth reifen lassen und als ihr Mann von einer beruflichen Reise in die Ukraine nicht zurückkommt, ahnt sie nichts Gutes. In seinem letzten Brief aus dem osteuropäischen Land schreibt er ihr, dass er Sensationelles entdeckt habe – verwunderlich, angesichts seines Forschungsthemas, der sakralen Kunst der Ukraine. Danach hört sie nichts mehr von ihm.

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Sie macht sich auf in ein Land und eine Stadt, von denen sie im fernen New York kaum etwas gehört hat. Zufälle und Umwege treiben Elizabeth in die Arme des Anwalts Andrew Sanicki. Er wird sie bei ihrer Suche unterstützen – aus persönlichen Gründen, wie im Laufe des Romans deutlich wird. Ihre Nachforschungen führen Elizabeth immer tiefer in die ukrainische Gesellschaft hinein, in eine Bevölkerung, in der viele am Rande des Existenzminimums leben und nur mit Mühe den Alltag bewältigen können. Elizabeth lernt eine Bevölkerung kennen, die vom Geheimdienst überwacht wird und der jedes politische Engagement und Interesse verboten wird, sofern es nicht der regierenden Partei zugeneigt ist.

Sanicki offenbart sich in diesen Verhältnissen als Fels in der Brandung. Er wird ihr vertrauensvoller Ansprechpartner, als ihr Visum nicht verlängert wird. Ihre Ermittlungen sind zu sehr ins Politische vorgestoßen, als dass die ukrainische Regierung ihren Aufenthalt länger dulden möchte. Elizabeth muss sich illegal in dem Land aufhalten, indem sie ihren Mann finden will, was ihre Mission nur noch gefährlicher macht. Das ungute Gefühl, welches der Leser von Beginn an hegt, bestätigt sich zunehmend.

Auf ihrer Suche verliert Elizabeth zunehmend das Gefühl für ihren Mann und für das gemeinsam verbrachte Leben. Ihr Urinstinkt, dessen sie sich anfangs so sicher war, gleitet mehr und mehr in ein grundsätzliches Zweifeln ab, dem scheinbar nichts mehr standhalten kann. Sie nimmt Kontakt zu der ukrainischen Assistentin ihres Mannes, Oksana Krywenko, auf, die seit dem Verschwinden von Jeff aufgrund dubioser Anschuldigungen im Gefängnis sitzt. Von ihr erfährt Elizabeth, dass Jeff mit seiner Assistentin einen sechsjährigen Sohn hat. Das Bild der vermeintlich glücklichen Ehe gerät endgültig aus den Fugen. Doch ist das Kind noch die harmlosere Verbindung, die sich über Oksana Krywenko eröffnet, denn sie ist gleichzeitig der Schlüssel zu Georgi Gongadse, einem ukrainischen Journalisten, der unter ungeklärten Umständen zu Tode gekommen ist. Und hier nimmt Nurowskas Roman die Gestalt eines politischen Thrillers an.

Nurowska strickt in ihren Roman die abscheuliche Geschichte um den Mord an Georgi Gongadse ein. Dieser gründete Ende der Neunziger die kritische Internetzeitung Ukrajinska Prawda, in der er investigative Berichte über Leonid Kutschma und seine Entourage veröffentlichte. Am 16. September 2000 verschwand er spurlos. Seine enthauptete und mit Säure übergossene Leiche fand man erst am 2. November 2000 in der Nähe von Kiew. Tonbandaufnahmen ließen vermuten, dass Gongadses Tod vom damaligen Staatspräsident Leonid Kutschma mitinitiiert wurde. In Nurowskas Roman half die zarte Oksana dem Journalisten bei seiner Arbeit und hat den Kontakt zwischen Jeff und Gongadse hergestellt.

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Jeff wurde zuletzt vor einem Treffen mit Gongadse lebend gesehen. Seitdem sind beide spurlos verschwunden. Wie in der Realität taucht die völlig entstellte Leiche Gongadses auf, aber von Jeff fehlt weiterhin jede Spur. Lediglich ein verspäteter Brief, abgeschickt in Moskau, wird sie noch erreichen, in dem ihr Jeff gesteht, dass er selbst erst vor kurzem von seiner Vaterschaft erfahren habe: „Eines Tages spielte der kleine Alek mit ein paar anderen Fußball. Ich saß auf einer Bank und schaute ihnen zu. Und plötzlich – als ich sah, wie der Kleine hinter dem Ball herrannte – begriff ich, dass er mein Sohn war.“

In Nurowskas neuem Roman wird wieder einmal der Protagonistin (in nahezu all ihren Romanen steht die Frau im Mittelpunkt des Geschehens) der Boden unter den Füßen fortgerissen. Wie in ihren Vorgängerromanen kreiert die Autorin eine Mischung aus Liebesroman und psychologischer Spurensuche, in die sie zeithistorische gesellschaftliche Bezüge mit einbindet. Der Plot ist recht einfach gehalten, es gibt keine Nebenschauplätze oder narrative Seitenstränge, die der Leser mit der Geschichte verknüpfen müsste. Und dennoch entwickelt sich das Geschehen in „Dein Name geht dir voraus“ durchaus spannend.

Es tauchen aber auch einige ärgerliche Ungereimtheiten auf. Darunter zählt ganz sicher die Bezeichnung der tschetschenischen Freiheitskämpfer als Mudschaheddin, also als Kämpfer und Verteidiger des Islam. Hier der russischen Argumentation anheim zu fallen, statt diese ebenso kritisch zu beleuchten, wie sie es mit der ukrainischen in ihrem Roman macht, stößt zumindest beim Rezensenten auf Unverständnis. Und auch als der Rechtsanwalt Andrew Sanicki der Kunsthistorikerin Elizabeth Connery Ratschläge in Sachen Kunst und Museen in Moskau erteilt, fragt sich der geneigte Leser, was das soll? Als ob amerikanische Kunsthistorikerinnen nicht wüssten, was sie in der Tretjakow-Galerie erwarten würde.

Mit „Dein Name geht dir voraus“ legt Maria Nurowska nichts desto trotz eine spannende und ergreifende Geschichte vor, die den Leser auf den ersten Seiten packt und bis zum Schluss nicht mehr loslässt. Die Einbindung tatsächlicher Gegebenheiten zeigen die Realitäten in der Ukraine weit vor der orangenen Revolution. Und so wird deutlich, warum es zu diesem politischen Befreiungsschlag kommen musste, der die Menschen zumindest kurzfristig von all der historischen und gegenwärtigen politischen Last entledigte. Ein durchaus zu empfehlender Roman für jeden Osteuropa-Interessierten, der nicht sofort zum Sachbuch greifen möchte.

 

Bibliographische Angaben



Maria Nurowska
Dein Name geht dir voraus
Aus dem Polnischen von Paulina Schulz
Deutscher Taschenbuchverlag, Dezember 2007
259 Seiten, broschiert, 14,00 €
ISBN 10: 3423246359
ISBN 13: 978-3423246354


Letztes Update: 25-02-2008 16:28

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Nurowska, Polen, Ukraine, Lemberg, Kunsthistoriker, 978-3423246354, 3423246359, kutschma, georgi gongadse, Lesetipp
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