T. C. Boyle ist einer der am meisten gefeierten amerikanischen Gegenwartsautoren. Seine Erstlingswerke aus den späten Achtzigern zählen schon jetzt zu Klassikern und werden Jahr für Jahr in astronomischen Zahlen neu aufgelegt.World’s End ist so ein Klassiker: berühmt, preisgekrönt – und doch weit unter dem Niveau, das Boyle sonst erreicht.
Prinzipiell ist es ja keine schlechte Idee, einen Roman auf wechselnden Zeitebenen anzusiedeln: da sind die Neuankömmlinge, die im 17. Jahrhundert Amerika neu besiedeln und mit den Ureinwohnern um das Land konkurrieren, und da sind die Nachfahren eben jener Neusiedler im 20. Jahrhundert – und siehe da: wer im 17. Jahrhundert schon reich war, ist es noch heute, und wer vor 300 Jahren arm war, ist auch heute noch ein Niemand. Soweit schon einmal die Moral des Romans.
Bei zwei Zeitebenen muss man natürlich auch mindestens das doppelte Personeninventar einplanen; bei World’s End reicht es locker zu einem Vielfachen: Knapp 60 Personen umfasst die Schautafel im Anhang, die die Figuren ordentlich nach Epoche und Familienzugehörigkeit trennt. Einerseits ist es ärgerlich, wenn man die zunächst nicht entdeckt und sich so für einige hundert Seiten mühsam durch den Namensdschungel schlägt, andererseits verdirbt einem das Nachschlagen auch so manche Pointe, weil man so schon viel zu früh erfährt, wer später einmal wen heiraten und mit wem Nachkommen zeugen wird.
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Da wäre ein etwas reduziertes Personal eventuell angeraten gewesen. Nicht nur des Überblicks wegen, schon aus rein statistischen Erwägungen (Literaturbesprechungen enthalten generell viel zu selten statistische Erwägungen): bei 600 Seiten und 60 Personen bleiben jeder Person im Mittel gerade einmal zehn Seiten, um sich zu entfalten, Charakter, Eigenarten und Erfahrungen offen zu legen – und da sind Landschafts- und Wetterbeschreibungen noch nicht einmal herausgerechnet. Man kann sich also leicht ausmalen, dass der Roman von oberflächlich-eindimensional gezeichneten Figuren geradewegs durchspukt wird. Das betrifft leider nicht nur die Nebendarsteller, auch die Hauptfiguren bleiben seltsam blass und blutleer.
Was für die Figuren gilt, trifft auch auf die Handlung zu: Konflikte zwischen Indianern und europäischen Siedlern, zwischen Gutsherren und Landarbeitern im 17. Jahrhundert, zwischen Hippies und Konservativen in den 60ern, zwischen arm und reich zu allen Zeiten – der Roman ist derart aufgeladen mit Konflikten, dass die individuellen Geschichten der Personen geradezu dazwischen zerrieben werden. Da bleiben oftmals nur zerfaserte Handlungsfetzen übrig, die übertriebene Dichte lässt weder Raum für Identifikation des Lesers noch für einen Spannungsbogen.
Wenn man bedenkt, wie konzentriert dagegen Boyles spätere Romane wie América,Drop City oder das ebenfalls auf zwei Zeitebenen konstruierte Ein Freund der Erdeangelegt sind und wie Boyle auf dem Gebiet der Kurzgeschichte brilliert, dann erscheint World’s End dagegen überambitioniert, aber zu wenig fokussiert. Man kann von Glück reden, dass dem Autor die Redensart „weniger ist mehr“ mittlerweile geläufig ist, sich auf die nächsten seiner Romane freuen – und World’s End, Klassiker hin oder her, zu den Akten legen.
T. C. Boyle World's End Aus dem Amerikanischen von Werner Richter
Ausgezeichnet mit dem PEN/Faulkner Award
dtv
615 Seiten, EUR 8,95
ISBN-10: 3423210303
ISBN-13: 978-3423210300