Eine der schönsten Liebesgeschichten des Frühjahrs 2008 auf dem Büchermarkt kommt aus Japan.
Mit Leichtigkeit, Humor und unwiderstehlicher Neugier treffen sich Tsukiko und ihr ehemaliger Japanischlehrer zufällig nach langen Jahren in einer Kneipe wieder.
Sie sitzen an der Bar, essen und trinken Sake, japanischen Reiswein. Tsukiko ist 38 Jahre alt. Der neben ihr sitzende Mann spricht sie an, und erst da nimmt sie ihn als ihren ehemaligen Japanischlehrer wahr. Sensei ist der respektvolle Titel, mit dem sie ihn anredet. Der Name steht für Lehrer oder auch Meister.
Tsukiko erzählt in der Ichform. Sie spricht in kurzen Sätzen, trocken, amüsiert und sehr spontan in der Wahrnehmung und Äußerung ihrer Gedanken. Zuerst sieht sie in ihm nur den alten Mann, denn er ist dreißig Jahre älter als sie. Ein wenig schrullig und verrückt kommt er ihr vor in seiner diszipliniert geraden Haltung und mit seinen belehrenden Einlassungen. Nach anfänglichem Zögern treffen sie sich häufiger und immer wie zufällig in ihrer Stammkneipe.
Unspektakulär kommt die Handlung daher. Essen und Trinken sind wesentliche Unterhaltungsmomente. Gespräche verlaufen gleichmütig über fast nebensächliche Begebenheiten des Alltags: dass man gerne Pilze sammelt, welcher Wein am besten schmeckt, und ob man noch in die Kneipe gehen will oder einen Ausflug zusammen plant. Die Handlung zeigt eine zunächst unauffällige, lakonische und teilweise komische Annäherung.
Herausragend ist die Diskretion und feine Abstinenz. Man trifft sich immer wieder in der gleichen Kneipe und kann sich lange nicht einigen, wer wem den Wein einschenken darf. Aufmerksam bemerken sie, dass sie die gleichen Neigungen haben. Sie essen und trinken das Gleiche, und sie mögen gerne eine gewisse Distanz, die unausgesprochen funktioniert,---und sie siezen sich die ganze Zeit.
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Sensei lebt in einem beträchtlichen Sammelsurium von Töpfen, alten Batterien und sonstigen Liebhaberstücken, von denen er sich nicht trennen mag, weil es doch "herzlos sei, solche altgedienten Sachen auf den Müll zu werfen". Zuweilen zitiert er poetische Gedichte, über die sie spottet, und er tadelt sie, weil sie eine schlechte Schülerin war. Doch sie dichten auch zusammen Haikus. Das sind Kurzgedichte, in deren Mittelpunkt jahreszeitliche Impressionen stehen.
Bewunderung erfahren die japanischen Kirschblüten, die als Synonym für die Poesie der japanischen Dichtung stehen. Die zitierten Gedichte sind von ausgewiesener Schönheit. Der Erzählstrom strahlt Ruhe aus. Tsukiko hat koboldhafte Züge, ist mal fröhlich, dann wieder traurig und einsam. Sensei scheint in seiner Abgeklärtheit eher das Gegenteil davon zu verkörpern: er ist weise, bedächtig und zurückhaltend.
Von der zaghaften Annäherung, die unter der Tarnkappe der Burschikosität daherkommt, ist man sofort gefangen und wartet gebannt, wie alles weiter gehen wird. Der gelegentlich fast brüske Ton verdeckt nur unzureichend die wachsende Zuneigung zwischen den beiden ungleichen Partnern. Immerhin ist der Altersabstand beträchtlich.
Uns begegnet eine Form des Dialogs, in dem vieles ungesagt bleibt und hinter dem sich Anziehung, Scheu, Würde und magische Wünsche verbergen. In der verhaltenen Diktion spürt man die unterschwellig vorhandene erotische Spannung, die dem Buch einen sinnlichen Anstrich gibt.
Ausflüge und Spaziergänge gewähren uns Einblicke in das japanische Leben und die schöne, ruhige Landschaft. Die Erzählweise vermittelt Leichtigkeit und eine Art von Unverbindlichkeit und ist dabei locker und offen.
Selten empfindsam und tief ist die wachsende Liebe, die sich erst allmählich zeigen wird. Atmosphärisch still und begleitet von den schönsten Zeilen des Schweigens und der Ruhe in der Natur erlebt man eine Liebesgeschichte, die ganz ohne Sexszenen auskommt und an die Gefühle der Leser rührt und ihn hoffen lässt, alles möge ein gutes Ende nehmen.
Man sollte diese ungewöhnliche Liebesgeschichte lesen!
Hiromi Kawakami Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß. Eine Liebesgeschichte Hanser, 2008
192 Seiten, gebunden, 17;90 Euro
ISBN 10: 3446209999
ISBN 13: 978-3446209992