"Wenn es stimmt, dass derjenige mehr hört, der mehr weiß, dann ist es von diesem Klaviermusikführer ein kleiner Schritt in den Konzertsaal, und ein großer zur Freude an der Musik." Dies schrieb die argentinische Pianistin Martha Argerich im Geleitwort der 2. Auflage des "Harenberg Klaviermusikführers".
Geändert hat sich an der Aussagekraft ihrer Worte in Bezug auf den neuen vorliegenden "Harenberg Kulturführer Klaviermusik" nichts.
Dass ein Musikinstrument eine so große Epoche der Musikgeschichte, wie sie die abendländische seit dem Barockzeitalter ist, derart nachhaltig prägt, wie es das Klavier spätestens seit Johann Sebastian Bach (1685 - 1750) getan hat, ist wohl ein einmaliges Faktum in der Geschichte der Musik. In der Tat ist der Einfluss des Klaviers auf die Musikgeschichte des Abendlandes kaum zu überschätzen.
Die ursprüngliche Bedeutung des Namens Klavier hat sich im englischen Keyboard noch erhalten, das wörtlich übersetzt Schlüsselbrett heißt und jede Art von Tastatur meint. Schlüssel, lat. clavis, waren in mittelalterlicher Buchstabennotation nämlich die Bezeichnungen der einzelnen Tonhöhen, und die wurden zur besseren Orientierung auf die Tasten geschrieben.
Klavier bezeichnete ursprünglich also alles, was Tasten hatte, und schloss damit auch das Cembalo und die Orgel mit ein. Darum heißt eines der wichtigsten Werke Johann Sebastian Bachs "Das wohltemperierte Clavier", obwohl es dem Cembalo (oder dem Klavichord) zugedacht ist.
Mit der Trennung von Orgel- und Klaviermusik (ca. 1780 bis 1825), bei der die Orgel an Bedeutung verlor, erlebte in der Zeit der Klassik das Klavier und damit auch die Klaviermusik einen rasanten Aufstieg. Prägende Komponisten (Haydn, Mozart, Beethoven) und großartige Tastengiganten (Mendelsohn Bartholdy, Schuhmann, Chopin, Liszt, Brahms) haben die Entwicklung der Klaviermusik wesentlich beeinflusst.
Neue junge Klaviervirtuosen setzen diesen wunderbaren Reigen fort - spektakulär, die Konzerte des chinesischen "Wunderkindes" Lang Lang - und halten diese großartige Musik am Leben.
Völlig neu überarbeitete Auflage
Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, dass Lang Langs Konterfei den neuen "Harenberg Kulturführer Klaviermusik" prägt, so hat der neue Herausgeber dieses wohl umfassendsten Kompendiums - der Verlag Bibliographisches Institut & F. A. Brockhaus AG - zwar ebenfalls einen chinesischen "Wunderpianisten" abgebildet, aber es handelt sich um Yundi Li.
Die neuen "Hausherren" haben indes nicht nur optisch eine Verjüngungskur angetreten - die letzte Auflage zierte noch der US-amerikanische Altmeister ukrainischer Herkunft Vladimir Horowitz -, sondern der zuletzt 1999 erschienene Klaviermusikführer wurde völlig neu überarbeitet.
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Was ist anders? Oder besser?
Zumindest in ihren Abmessungen gleichen sich die beiden schwergewichtigen Traktate. Auch wenn das Altwerk 241 Seiten mehr aufzuweisen hatte.
Weggefallen sind das Einführungskapitel "Die Geschichte der Klaviermusik", das 40seitige Pianisten- und ein kleines Instrumentenlexikon.
Modernisiert und optisch ansprechend
Auch die Anzahl der vorgestellten Komponisten wurde stark reduziert: von dazumal 180 werden "nur noch" 100 im neuen Band vorgestellt. Viele, der Allgemeinheit kaum bekannte Komponisten tauchen nicht mehr auf. Doch widmet man sich den im Band verbliebenen größtenteils mit ausführlicheren Betrachtungen ihrer Werke. So werden im neuen "Harenberg Kulturführer Klaviermusik" 750 Werke besprochen. In der 2. Auflage waren es "nur" 600 Werke.
"Der Leser erfährt dabei alles. was er über die Uraufführung und Spieldauer, die Musik, die Entstehungs- und Wirkungsgeschichte sowie die epochemachenden Aufführungen der einzelnen Stücke wissen muss.", so die Lexikonredaktion, deren Meinung man sich uneingeschränkt anschließen kann.
Die alphabetisch geordneten Komponistenkapitel bieten jeweils einen biografischen Artikel, die allgemeine Einordnung des Klavierschaffens und übersichtlich strukturierte Werkbesprechungen. Darin werden zunächst Kompositionen für Soloklavier vorgestellt (Abfolge; Sonaten und Sonatinen, Etüden, Präludien/Préludes, andere Zyklen und Sammelwerke, Einzelwerke, Bearbeitungen), sodann Werke für Klavier zu vier Händen sowie für zwei Klaviere (seltener auch für noch größere Klavierbesetzungen). Vor jeder Abfolge ist in der Regel ein weitgehend vollständiges Werkverzeichnis des jeweiligen Komponisten angeordnet.
Ein Mehrfarbendruck (Überschriften und Leitwörter sind blau hervorgehoben oder farblich hinterlegt) bietet im Inneren eine modernisierte und ansprechende Visualisierung. 270 meist großformatige Fotos lassen berühmte Pianistinnen und Pianisten auftreten, Tabellen und Infokästen vermitteln interessantes Hintergrundwissen.
Es ist zwar gut, über Musik zu lesen, vordergründiges und hintergründiges Wissen über Komponisten, ihre Werke und deren Interpreten zu erwerben. Doch Musik will vor allem mit den Ohren erfahren werden. Daher sind die 800 diskografischen Empfehlungen, die auf bedeutende Einspielungen der besprochenen Werke hinweisen, besonders wertvoll. Diese bieten eine erste Orientierung auf dem fast unüberschaubaren CD-Mark.
Ein hilfreiches Glossar mit wichtigen Fachbegriffen rundet den Band wohltuend ab.
Fazit:
Alles in allem ist der neue "Harenberg Kulturführer Klaviermusik" ein Werk, welches wohl kaum ein vergleichbares Pendant auf dem deutschen Markt zu "fürchten" hat.
Ein Muss für jeden, der Klaviermusik liebt und sich tiefer mit dieser Materie beschäftigen möchte oder einfach nur einmal bei "seinem" Lieblingskomponisten nachschlagen will.