„Die Vergangenheit ist ein Kontrolleur. Regelmäßig stellt sie überraschende Fallen. Plötzlich ist sie wie durch einen Zauber da. Sie ist ein Schatten mit sehnigen Händen, hat keine Gesichtszüge, kein Alter. Sie überreicht uns ein leeres Blatt. Wir weigern uns. Aber sie bedrängt uns mit ihrer harten, ruhigen, kühlen Stimme. Sie wird wiederkommen.“
So beginnt die Ich-Erzählerin Verónica, um die vierzig, Journalistin im Ressort Internationales einer Zeitung, eine Rede anlässlich einer Buchpräsentation. Während dieser Veranstaltung wird sie auf unvorhersehbare, schreckliche und blutige Art und Weise von ihrer Vergangenheit eingeholt. Dieser Vorfall hat ihr jedoch gleichzeitig die Augen geöffnet, vor ihren Charakterschwächen und vor allem vor ihrer Schuld.
Was war passiert?
Auf einer Geschäftsreise nimmt auf dem Rückflug eine extrem dicke Frau neben ihr Platz. Es ist ihre alte Schulfreundin Rebeca, welche schon in der Kindheit für ihr Anderssein von jedermann, zuweilen auf grausamste Art und Weise, gehänselt wurde. Verónica jedoch fühlte sich zu ihr hingezogen, ob ihrer Belesenheit und gemeinsamen Vorliebe für Klassische Musik. Doch diese Freundschaft durfte nur im Verborgenen stattfinden. „Niemand wusste, dass uns eine gemeinsame Geschichte verband, dass wir uns heimlich trafen, immer bei ihr.“ Denn Verónica wollte nicht, dass man sie wegen dieses „Pummelchens in sackartigen Kleidern“ aus der kindlichen Gemeinschaft ausstößt.
Ein Bote aus der Vergangenheit
Auf den ersten Blick erscheint Verónica als die stabilere, glücklichere der beiden so grundverschiedenen Frauen. Rebeca – zwar reich und erfolgreiche Managerin – ist fresssüchtig, einsam und offenbart fast schizophrene Verhaltensweisen. Die andere attraktiv, sportlich, verheiratet, wenn auch nicht sehr glücklich, hat einen wohlerzogenen Sohn, viele Freundinnen und findet Erfüllung in ihrem Beruf. Doch der Schein trügt. Auf Verónica lastet die Schuld eines Verrates an dieser Freundschaft. „Diese Frau namens Rebeca war ein Bote aus der Vergangenheit, ein grotesker, aber greifbarer Beweis für all das, was geschehen war und was ich fast vergessen hatte (...) Sie war eine Überlebende meiner Erinnerungen“.
Verónica ist mit dieser neuerlichen, alten Bekanntschaft überfordert und verweigert ihr Erkennen. „Meine Feigheit ist eine Last, die ich nach wie vor auf den Schultern spüre (…) Lange habe ich versucht, das alles zu verdrängen (…) Rebecas Bild hatte nach und nach an Kontur verloren. Die Zufälle der Erinnerungen hatten sie mir gelegentlich wieder ins Gedächtnis zurückgerufen, aber ich hatte sie immer auf Abstand halten können. Bis sich die Erinnerung an sie als massiges Gespenst neben mir im Flugzeug materialisiert hatte.“
Bei diesem einmaligen Treffen soll es jedoch nicht bleiben. Von nun an scheint Rebeca Verónicas Leben zu okkupieren. Sie ruft im Büro an, schreibt ihr Mails, taucht wie aus dem Nichts bei Veranstaltungen auf, denen auch Verónica beiwohnt und hat zu allem Übel noch die Wohnung über ihrem Liebhaber Patrick bezogen.
Albträume der Schuld
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Obwohl durch dieses plötzliche Auftauchen Rebecas nach fünfundzwanzig Jahren auf einmal Unordnung über Verónicas Leben hereingebrochen ist, haben die damit einhergehenden Erinnerungen merkwürdigerweise auch etwas Angenehmes für sie. Früher flüchtete sie sich automatisch in einen Tunnel, damit sie Menschen, die nicht der Norm der Gesellschaft entsprachen, nicht sehen musste. Sie verschanzte sich hinter ihrer vermeintlichen Würde, ihrer Eleganz oder ihrer Schönheit. Sie hatte geradezu gebettelt, dass alle sie mögen, nur um sich dann allein in ihr Zimmer zu flüchten.
Nun wird sie mit einem Mal an die Abgründigkeit der Augen erinnert, in die sie nicht hatte blicken wollen. Rebeca hat Verónica, im Endeffekt auch schmerzhaft, gezwungen, „mitten im Tunnel stehen zu bleiben und zurückzublicken“ und ihre Albträume der Schuld Wirklichkeit werden zu lassen.
Wie einen bedrohlichen Schatten senkt Cueto die zunehmenden, schmerzhaften Erinnerungen Verónicas bis zum schmählichen Verrat an ihrer Freundin über das Szenario. Schlussendlich gibt der Autor seiner Protagonistin jedoch eine Entwicklungschance, lässt das Ende aber offen. Das Schicksal von Rebeca bleibt vage.
Zunehmend schmerzhafte Erinnerungen
In einer äußerst raffinierten zirkularen Erzählstruktur, der Anfang des Buches ist zugleich die homogene Fortsetzung des Endes und weist bereits auf ein „blutiges Vorkommnis“ hin, schildert eine Frau rückblickend ihre eigenen Erlebnisse im Jahr 2005 in Perus Hauptstadt Lima, gepaart mit immer dichter werdenden Reminiszenzen ihrer Vergangenheit, die sie als Notizen und Fragmente in einem Tagebuch gesammelt und einer Freundin übergeben hat. Diese wiederum lässt sie einem Schriftsteller (Alonso Cueto) zukommen und so liegen sie dem Leser jetzt vor.
Unprätentiös, spartanisch, karg und glasklar die Sprache. Kurze prägnante Sätze ohne Schnörkel und weitschweifende, ausladende Beschreibungen sind das Markenzeichen dieses 1954 in Lima geborenen Peruaners.
Die Handlung ist in jedem Detail luzid, diszipliniert die Erzählhaltung. Cueto betreibt Verknappung auf das Allernotwendigste, jedoch mit ungeheurer Tiefenschärfe und Aussagekraft: Analyse statt Bebilderung, Seziermesser statt Tränendrüse. Der Autor benötigt nur zwei, drei „Bleistiftstriche“ um eine Situation zu umreißen und einzugrenzen. Matthias Strobel hat diesen kennzeichnenden Stil vorzüglich aus dem Spanischen ins Deutsche übertragen.
Mit „Das Flüstern der Walfrau“ wurde Cueto 2007 Finalist des erstmalig vergebenen Premio Iberoamericano Planeta-Casa de América de Narrativa.
Fazit:
Eine alte Klassenkameradin, die die Zeit in eine Walfrau verwandelt hatte, taucht plötzlich auf und ermöglicht der Ich-Erzählerin, das Korsett ihrer Erinnerungen und der Vergangenheit zu sprengen und selbst wieder zum Atmen zu kommen und über sich nachzudenken.
Großartige Literatur aus Peru in kurzen, knappen Sätzen.
Was verbindet nach vielen Jahren noch zwei Frauen, die in der Schulzeit miteinander befreundet waren wenn auch nur heimlich, da die eine der beiden so dick war, dass die andere sich nicht mit ihr auf offener Straße zeigen wollte. Wie gehen sie mit den Verletzungen und Schuldgefühlen um, die sich in all den Jahren angestaut haben? Als Veronica nach fünfundzwanzig Jahren ihrer alten Klassenkameradin Rebeca zufällig wiederbegegnet, ist ihr erster Impuls zu fliehen. Doch scheint es in Lima keinen Ort mehr zu geben, an dem Rebeca nicht auftaucht, und auch Veronicas Gedanken kreisen obsessiv um die Freundin. Ein Tanz zwischen Anziehung und Abstoßung beginnt, in dessen Verlauf Rebeca zeitweise die bedrohlichen Züge einer kalten Psychopathin annimmt. Doch auch das zutiefst einsame, gedemütigte Mädchen scheint in ihr auf. Alonso Cueto erzählt in diesem spannenden, psychologisch feingezeichneten Roman von den Nöten einer Frau, die zeitlebens als Außenseiterin stigmatisiert wurde, und stellt ihr die Gewissensbisse einer anderen entgegen, die nicht den Mut hatte, sich zu ihr zu bekennen. In knappen, prägnanten Sätzen und meisterhaften Dialogen zeichnet er das eindrückliche Porträt einer Gesellschaft, die sich dem Körperkult und der Konformität verschrieben hat.