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Adolf H. - Zwei Leben PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Karl-Otto Siebert, am 12-02-2008 14:00
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Adolf H. - Zwei LebenEin philosophischer Roman über die Freiheit der Entscheidung

Die Idee, das Buch zu schreiben, ist Schmitt in einem Wiener Café gekommen. Ein Student erklärte ihm, dass Adolf Hitler immer hierher gekommen sei, um sich für die Aufnahmeprüfung an der Kunstakademie vorzubereiten. Schmitts Kommentar: „Schade, dass er es nicht geschafft hat.“ Das war der Anlass. Die Triebfeder, das Motiv, jedoch datiert auf den Sommer 1970, als der 10jährige Eric-Emmanuel mit seinen Eltern ins Kino geht und dort einen Film über den Nationalsozialismus sieht.

Die Wirkung dieses Films ließ ihn nicht mehr los. Doch erst im 2001 gelang ihm die Realisation des Hitler-Romans, über dessen französisches Original Le Soir „… eines der aufregendsten Bücher seit langem“ urteilte. In diesem jetzt auf Deutsch erschienen Werk fragt sich Schmitt, wie ein idealistischer junger Mann von neunzehn Jahren, der Musik, Theater und Malerei liebt, zu einem Monstrum, zu einer Schande für die humanistische Menschheitsidee werden konnte.

In seinem Roman analysiert Schmitt den Werdegang Hitlers und kommt zu dem - viele Leser sicherlich erschreckenden - Urteil, dass der junge Mann ihnen allen ähnlich ist. Sie aber nehmen für sich in Anspruch, eine andere Entwicklung genommen zu haben, weisen entschieden von sich, auch nur annähernd etwas mit dem Diktator gemein zu haben: »So wie der sind wir nie und nimmer.«
Also bleibt die Frage, wie so etwas wie Hitler hervorgebracht werden konnte? Schmitt sieht in Hitlers Scheitern, seiner Frustration, seinem Ausgeschlossensein, seinem Hass die Ereignisse und Strukturen, die es möglich machten, aus dem jungen Adolf das Monstrum des älteren Hitler wachsen zu lassen.
Der Roman zeichnet beständig zwei Schicksale nach, die bis 1908 dieselbe Kindheit und Jugend in ein und derselben Person erlebten. Erst mit dem 8. Oktober 1908 trennt Schmitt die Personen, lässt Adolf Hitler zu Hitler und Adolf H. werden und zeigt den Lesern, dass das Nachzeichnen zweier Schicksale ein Roman über die Freiheit ist. Er zeigt, dass es von jedem einzelnen Menschen selbst abhängt, was aus ihm wird: Ein Rassist oder toleranter Mensch, ein Pazifist oder Kriegstreiber, ein zur Liebe Fähiger oder einer, der alles um sich herum vernichtet.

"Adolf Hitler: durchgefallen"  

Schmitt setzt als auslösenden Faktor das ablehnende Urteil der Jury der Kunstakademie und fügt hinzu, dass es Hitlers Deutung dieses Urteils ist, die ihn zu dem werden ließ, der er wurde. Der Schlüsselsatz des Roman lautet: „Adolf Hitler: durchgefallen.“ – Kein Ausrufezeichen, kein Gedankeninhalt, nur diese bürokratische Feststellung und die sich daraus ergebenden fatalistischen persönlichkeitsbildenden Gedankenkonstrukte. Statt aus seinem Scheitern etwas zu lernen, statt sich bewusst zu werden, dass er sich wahrscheinlich nicht genug vorbereitet hatte oder einfach nicht begabt genug war, zog Hitler an jenem Tag die Bilanz, dass man sein Genie nicht bemerkt habe. Er also gab der Ablehnung der Akademie keine Chance, ihn wieder auf den Boden der Realität zurückzubringen, sondern deutet sie wahnhaft, paranoid. Und so geht es in seinem Leben weiter, immer wieder sehen die anderen nicht seine Genialität und immer wieder verschließt er sich in sich selbst und deutet die Welt um sich herum so, wie es ihm nützlich ist.

Der Roman heißt im Original „La part de l'autre“, denn in ihm kommt zwar Hitler vor, aber auch ein anderer, der Adolf H. des deutschen Titels. Schmitt misst seinem französischen Titel noch eine zweite, eine philosophische Bedeutung bei. Der richtige Hitler verschließt sich vor den anderen, sondert sich ab, wird zu einem Demiurgen, der allem, was nicht ihn betrifft, gleichgültig gegenübersteht.
Der virtuelle Adolf H., der an der Akademie angenommen wird, öffnet sich den anderen, er entdeckt den Teil des Anderen in seinem Menschenleben: die Sexualität, die Liebe, die Freundschaft, die Vaterschaft, die Lehre, die Trauer. Durch diese philosophische Thematik ist Schmitt einer Willkür entkommen, Hitlers anderes Leben, das des Adolf H. als etwas völlig beliebig Ausgedachtes zu erfinden. Im Gegensatz zu Hitler also öffnet sich Adolf H., lässt andere an seinem Leben teilhaben und macht sie nicht zu seinen Werkzeugen. Jener berauscht sich an seinen Gewissheiten, dieser leidet an seinen Zweifeln. Hitler hält sich für ungewöhnlich, während Adolf H. merkt, dass er in einem hohen Maß gewöhnlich ist. Auf diesen ethischen Ansatz rekurrierend gelingt es dem Autor, das Beliebige in der Erfindung Adolf H. zu vermeiden, denn er vermag beide Entwicklungen zu steuern und zu kanalisieren.

Was wäre wenn?

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Vergnügen bereitet das Lesen, wenn Adolf H. zu Siegmund Freud geführt wird, damit dieser ihn wegen seiner Sexualneurose behandelt. Nachdem der Kunststudent die Couch in der Berggasse 18 geheilt verlassen hatte, musste Schmitt sich eine Welt ausdenken, in der es den Nationalsozialismus nie gegeben hat. Seine geopolitischen Hypothesen münden in einem Abenteuer für die Weltgeschichte. Das ist anregende phantasievolle Lektüre, ohne von großer Bedeutung zu sein, dennoch deutlich über dem Niveau angesiedelt, das man sonst in „Was-wäre-wenn-Romanen“ über historische Entwicklungen angeboten bekommt. Versehen mit einem tieferen Sinn ist allerdings die Erkenntnis, die der Leser anhand der psychoanalytischen Sitzungen Adolf H. gewinnt: Schmitt erzählt Hitlers Kindheit und zeigt in Person des ausgedachten Protagonisten, dass man sich von seiner Kindheit freimachen kann, da jedem die Freiheit der Entscheidung gegeben ist.


„Adolf H. – Zwei Leben“ ist ein philosophischer Roman, der Ideen enthält, die zum Nachdenken anregen und der überrascht, da er Gedanken und Erkenntnisse evoziert, die man sich lieber erspart. Es kann passieren, dass dem Leser während der Lektüre immer deutlicher bewusst wird, dass der Roman ihm eine Falle stellt, weil er ihn zum Nachdenken über sich selbst zwingt. Darüber, wie er sich im täglichen Leben verhält, wenn er Niederlagen erleidet oder gezwungen ist Entscheidungen zu treffen.

Am Ende steht die Erkenntnis, dass Hitler nicht außerhalb von ihm steht, sondern er ein Teil seines Inneren ist, ein Teil seiner möglichen Ichs. Diese Erkenntnis ist erschreckend und wohl deshalb beginnt das »Arbeitsjournal« mit den Warnungen der Freunde des Autors, die Finger von diesem Projekt zu lassen. Jede dieser Warnungen enthält die Aussage „Bring deinen und unseren Namen nicht mit diesem Scheusal in Verbindung …!“ und enthält im Unterbewussten die Botschaft „… denn du bist doch kein Nazi und ich will nichts mit Hitler zu tun haben, damit ich mich nicht mit den dunklen Facetten meines vielfältigen Inneren Teams, mit den Seiten, die sich der moralischen Über-Ich-Kontrolle entziehen, auseinandersetzen muss.“
Man muss sowohl Eric-Emmanuel Schmitt dankbar sein, dass er diesen Ratschlägen seiner Freunde widerstanden und den Roman geschrieben hat, als auch dem Übersetzer Klaus Laabs, der es geschafft hat, Schmitt Vorgaben, beide Protagonisten mit einer eigenen Sprache auszustatten, die ihre Entwicklung differenziert und pointiert darstellt, ins Deutsche zu übertragen: Hitler, den in sich Verschlossenen, weitgehend parataktischen Satzbau und einfache Worte benutzend, Adolf H., den dem Anderen Geöffneten, eine reflektierende, vielfältige und differenzierende Sprachperformanz zuweisend.

Ein empfehlenswerter Roman, der alle Facetten eines guten Buches in sich vereint: Spannung auf den Gang der Entwicklung von Figuren und Geschehen, sprachliche Vielschichtigkeit und Eloquenz, historische Genauigkeit einerseits und Fabulierkunst andererseits sowie die Fähigkeit eines kompetenten Autors zur Empathie auch mit unangenehmen Protagonisten, wodurch das Buch Authentizität erhält.

 

Bibliographische Angaben

 Eric-Emmanuel Schmitt
Adolf H. - Zwei Leben
Amman Verlag
Februar 2008
Gebunden, 480 Seiten
ISBN: 3250601071
Preis:  24,90 Euro

 

 

 

 


Letztes Update: 25-02-2008 16:53

Veröffentlicht in : Buch, Belletristik
Schlüsselworte : Eric-Emmanuel Schmitt, Adolf H. Zwei Leben, Adolf Hitler, Kunstakademie, Wien, La part de l'autre, Lesetipp
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