Dag Solstad knüpft mit seinem Roman „Scham und Würde“ an die Größe dieses Genres in den 20er Jahren des 20. Jahrhundert an. Durch die Auswahl der Autoren, die der Studienrat Elias Rukla erwähnt, und den Zeitgeist jener Epoche wird deutlich gemacht, wird der Bezug zur heutigen Zeit hergestellt.
Auf 207 Seiten präsentiert der Autor seinen Protagonisten Elias Rukla durch einen personalen Erzähler, der häufig in einer kritischen-satirischen Erzählhaltung dessen Gedankenwelt begleitend kommentiert, so dass der Leser manchmal sogar das Gefühl hat, er solle durch parodistisch-ironische Äußerungen hellhörig gemacht werden. Dazu zählen die häufigen Wiederholungen von Gedanken, denen Rukla versucht durch leicht veränderte Sprach- und Syntaxwahl eine Schärfung, Klärung zu verleihen. Dieses Stilmittel verfehlt seine Wirkung nicht, denn man wird als Leser zumindest ungeduldig, wenn man nicht sogar über die Figur den Kopf schüttelt. Durch die fast vollständige Innensicht lässt der Erzähler den Leser einen Vormittag im Leben des Studienrats für Norwegisch und Geschichte, Rukla, erleben.
Auf den letzten 150 Seiten schauen wir für ca. zwei Minuten in die Gedankenwelt des Lehrers, und dieses Zeitdehnungserlebnis lässt nie Langeweile aufkommen. Während Rukla seinen defekten Schirm entsorgt, läuft sein Lebensfilm in ihm ab:
Seine Freundschaft mit einem protegierten Philosophiestudenten wird dem schüchternen jungen Mann zum Lebenselixier. Als der Freund urplötzlich aus seinem bürgerlichen Leben aussteigt und in die USA flieht, gibt er seine Frau und Tochter in Ruklas Obhut. Die Drei gewöhnen sich aneinander und schließlich heiratet er einige Jahre später die Frau seines Freundes. Dem Leser wird ein sehr intensiver Wechsel von erlebter Rede, innerem Monolog und Bewusstseinsstrom zugemutet. Den Protagonisten bewegen im Wesentlichen vier Fragen: Warum hat sein Freund Frau und Kind und ihn verlassen? Warum hat ihm niemand von der Scheidung erzählt? Warum ist er später geheiratet worden? Was empfindet seine Frau für ihn? Nie hat es darüber eine Aussprache gegeben. So erfährt der Leser nur aus Ruklas Perspektive dessen Unsicherheiten, Zweifel, Vorwürfe, Enttäuschungen.
Frustrierte Sprachlosigkeit
Seinen Beruf übt er pflichtbewusst aus. Er sieht eine Aufgabe darin, Kindern ein kulturelles Rüstzeug mit auf ihren Lebensweg zu geben. Der Studienrat spürt aber deren zunehmenden Unwillen, dieses Erbe als willkommen anzunehmen. Da sie sich mit dem Klingelzeichen mittels ihres Walkman von seiner Kulturwelt abkoppeln, hat er für seinen Unterricht die Konsequenz gezogen, den Lehrstoff weitgehend zu referieren und die Schüler nicht richtig mit einzubeziehen. Obwohl ihn das frustriert, ist er nicht fähig darüber zu sprechen – weder mit seinen Schülern oder Kollegen noch seiner Frau oder Stieftochter.
Rukla leidet an dem Verlust der Fähigkeit so miteinander zu sprechen, wie er es in seinen Studententagen vermochte. Ihm waren Gespräche über die Philosophie Kants und ihre Umsetzung für die heutige Gesellschaft wichtig. Heute scheinen ihm alle Unterhaltungen Wirtschaftsgespräche von „Kreditsklaven“ zu sein. Da er das nicht mitmachen will, flüchtet er sich in seiner Sprachlosigkeit und Unfähigkeit zur Partnerschaft allabendlich in einen immer größer werdenden Konsum von Alkohol.
Mit den Folgen eines solchen Abends startet der Erzähler Ruklas Geschichte. Er gewährt uns einen Einblick in zwei Schulstunden über Henrik Ibsens Drama „Die Wildente“. Fast in Zeitdeckung werden Ruklas Gedanken über eine Nebenfigur und seine langweilende Unterrichtsführung vorgestellt, die weder bei ihm selbst noch – aus seiner Sicht – bei seinen 29 Schülerinnen und Schülern Befriedigung auszulösen imstande ist.
Dann aber passiert etwas, was nie hätte passieren dürfen: In seiner Frustration über seine Schüler, seine Kollegen, seine Frau, besonders aber sein eigenes Verhalten reicht die Kleinigkeit, dass es ihm auf dem Schulhof nicht gelingt, seinen Schirm aufzuspannen, um auszurasten. Er zerstört in blinder Wut den Gegenstand und beleidigt neugierig gaffende Schüler auf eine sehr grobe, unfeine Art.
Selbst so entsetzt über diese Tat, steht für ihn fest, dass das für ihn der letzte Schultag gewesen ist, obwohl er noch zehn Jahre Dienst zu leisten hätte.
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„Der Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Dieser vorzüglich geschriebene Roman richtet sich an alle Menschen, die ihre Träume verloren zu haben glauben, die an Sprachlosigkeitsgefühlen leiden, die sich nicht trauen mit anderen Gespräche zu beginnen, weil sie vermuten, sie nur „künstlich“ oder „gekünstelt“ führen zu können, die in ihrer Partnerschaft kein Miteinander, sondern nur noch Parallelität verspüren. Dieser Erzähler, dem Ina Kronenberger als Übersetzerin in Deutsche eine glaubwürdige, eindringliche Sprache verliehen hat, schildert einen Gefangenen seines Selbst, an dem er zweifelt, verzweifelt und zerbricht. Er lässt den Leser zudem miterleben, wie eine Nebenfigur wächst und zur Hauptfigur wird, deren Leben taugte, in einem Werk von Thomas Mann seinen Widerhall zu finden. In aller Ausführlichkeit wird die Scham, die Studienrat Elias Rukla über seinen Umgang mit sich, seinen Schülern und Kollegen, Bekannten, seiner Frau und der Gesellschaft empfindet, geschildert. Dann aber überlässt es der Autor dem Leser, darüber zu sinnieren, wie mit Würde den dargebotenen Problemen begegnet werden könnte. Und aus diesem Umstand erwächst die Kritik an dem Roman, dessen Ende verstörend wirkt. Jede gelesene Seite, mit der sich der Leser dem Ende nähert, lässt ihn ungeduldiger auf den Schluss werden. Doch der enttäuscht, weil man, Brecht zitierend, sagen kann: „Der Vorhang zu und alle Fragen offen“.
Solstad beantwortet nicht eine einzige Frage, die sein Protagonist erörtert. Nach einigem Nachdenken aber erschließt sich dem aufmerksamen Leser der Anspruch des Autors: Er hat ihn - ganz im Kantschen Sinn - zum Selberdenken gezwungen.
Dem Leser erschließt sich, dass die Lösung seiner Unzufriedenheit mit der heutigen Weltordnung, mit anderer Menschen Denkfaulheit und Jagd nach dem Glanz und Glitzer des Kapitalismus sowie der Oberflächlichkeit des Smalltalks, nur begegnet werden kann, wenn sich unter glücklichen Fügungen vielleicht einmal ein tief schürfendes Gespräch mit Freunden, Partnern, Mitlesern über die Vielfalt der Themen dieses Romans ergeben könnte.
Solstad verharrt nicht auf der Oberfläche der recht dürftigen Handlungsebene, sondern schließt seinen Leserinnen und Lesern die tiefsten Gedanken eines Kulturmenschen auf. Deshalb darf man dem Autor die Ehre erweisen und sagen, dass auch dieses Werk ein Werk der 20er Jahre ist und den Vergleich mit Kafka, Musil oder Thomas Mann nicht zu scheuen braucht.
Der im Jahr 2007 erschienene Roman „Scham und Würde“ des norwegischen Schriftstellers Dag Solstad erhält eine uneingeschränkte Leseempfehlung.