Violantes Welt droht zusammenzubrechen als ihr geliebter Sohn Simon mit seiner Familie der Pest zum Opfer fällt. Einzig die kleine Tochter Aimee – Violantes Enkelin - entgeht dem grausamen Tod. Violante gibt ihr all ihre Liebe, ihre Weisheit und Güte mit, nur die Wahrheit über ihre eigene Vergangenheit kann sie dem Mädchen nicht erzählen.
Als Gefolgsdame der Herzogin wagt die junge Adlige Aimee erste Schritte in eine Welt des Luxus und der Freiheit, und natürlich ziehen ihre Schönheit und ihr Liebreiz sofort die Blicke der Männer auf sich, auch die des Herzogs. Darum ist die Herzogin auch nicht böse, als sich Aimee in Ruben Cornelis, einen jungen Kaufmann aus Brügge, verliebt und nach kurzer leidenschaftlicher Werbung seine Frau wird. Doch die Ehe hält nicht, was die Romanze verspricht. Ruben gelingt es nicht, seine hochfliegenden Träume in die Tat umzusetzen und steht überdies unter dem Pantoffel seiner Mutter.
Als er bei einem waghalsigen Unternehmen ums Leben kommt, muss sich Aimee auf einmal selber als Herrin des Handelshauses Cornelis beweisen. Doch bald erkennt sie, wie tief verschuldet das einstmals mächtige Geschlecht ist, so tief, dass ihr ganzer Besitz durch Schuldscheine in die Hand des reichen Venezianers Domenico gefallen ist. Doch die junge Frau ist nicht bereit, ihre neu gewonnene Stellung aufzugeben. Sie ringt Domenico einen Aufschub ab, der ihr Zeit geben soll, die Geschäfte wieder zu sanieren. Mit Tatkraft, Klugheit und Entschlossenheit macht sie sich an die Durchsetzung ihres ehrgeizigen Plans.
Anzeige Mit Die Stunde des Venezianers setzt Marie Cristen ihren historischen Roman Beginenfeuer fort, doch diesmal steht nicht mehr die damalige Heldin Violante im Mittelpunkt sondern deren Enkelin Aimee, die nach einigen Ausflügen in die Welt des Hofes den Geschäftssinn ihrer Großmutter in sich entdeckt und als Handelsherrin in Brügge Karriere macht. Um sie als unbestrittene Hauptfigur scharen sich als männlicher Widerpart der charismatische Venezianer Domenico, sowie das ganze Register neidischer und intriganter Brügger Kaufleute, die der Frau und Zugezogenen natürlich ihren Erfolg neiden.
Bereits mit Beginenfeuer hat Marie Cristen gezeigt, dass es ihr mühelos gelingt, den vorherrschenden Lesegeschmack auf dem Sektor historische Romane von Frauen für Frauen zu treffen. Auch ihre jetzige Heldin steht ganz im Zeichen dieser Lesererwartungen. Natürlich ist Aimee wunderschön, innovativ und stark, und auch die Handlung ist eine gefällige Mischung aus Romanze und Frauenschicksal, bei dem die gebeutelte Heldin am Ende aufgrund ihrer Klugheit, ihrer Schönheit und ihrer Charakterstärke triumphieren darf.
Doch würde diese mangelnde Originalität in der Charakterzeichnung und Handlungsführung wahrscheinlich weniger ausmachen, denn wer erwartet von einem Unterhaltungsroman schon, dass er das Rad neu erfindet, doch leider gelingt es der Autorin nicht wirklich, Anteilnahme für ihre Heldin zu wecken. Zu klar ist von Anfang an der Sieg, zu uninspiriert ist letztlich auch die Sprache. So empfiehlt sich die Stunde des Venezianers sicher für Fans des Genres, doch wer nach ein bisschen Abweichung von der Norm sucht, sollte woanders suchen.