In "Wein spricht deutsch" hat Stuart Pigott, der englische Weinbuchautor und -journalist mit einem Faible für deutsche Weine, ein umfassendes Buch zu Weinen in deutschsprachigen Ländern vorgelegt, also inklusive Österreich, Schweiz, Südtirol, Elsass und sogar dem weintechnisch sonst eher wenig beachteten Luxemburg. Man kann hier getrost von einem "Wälzer" sprechen, denn bei knapp dreieinhalb Kilogramm Gewicht ist reichlich Armkraft nötig, um das Buch zu handhaben.
Abgesehen davon ist es ein Vergnügen, sich in die Weinwelt des Autors zu begeben. Pigott und seine vier gestandenen Weinautoren schreiben locker, begeisternd, aber ohne Pathos und sie wissen, wovon sie texten. Die Autoren haben sämtliche beschriebenen Weingegenden bereist und die vorgestellten Weingüter besucht. Was man den lebendigen Beschreibungen und Eindrücken auch anmerkt. Entsprechend der quirligen Art des Engländers ist allerdings auch der Aufbau des Buches etwas sprunghaft: Nach einem Vorwort und einer (ausführlichen) Einleitung von Stuart Pigott stellen die Autoren die verschiedenen Weinregionen vor - da geht es zum Beispiel vom Bodensee nach Graubünden und Liechtenstein, auf das Wallis folgt das Elsass und dann die Pfalz, nach der Region Obermosel und Luxemburg geht es in die Wachau und Krems. Abwechslung ist so immerhin garantiert. Laut Pigott sind die Weinregionen eher nach ähnlichen Wein- und Bodenbeschaffenheiten eingeteilt als nach den offiziellen Zuordnungen, aber dem weniger bodenkundigen Weinfreund erschließt sich die Reihenfolge so jedenfalls nicht auf den ersten Blick.
Nun ja, damit kann man leben und einfach lesen. Viel Lesestoff bietet das Buch auf jeden Fall, aufgelockert von atmosphärischen Bildern der Landschaft, von Winzern, ihren Weinbergen und Festen. Das opulente Werk ist eindeutig textlastig, was nicht negativ zu sehen ist, denn die Autoren haben Unmengen von Informationen zu den Weinregionen, zur Geschichte, zu Winzern und rund um den Weinbau zusammen getragen und kurzweilig aufbereitet, so dass beim Schmökern die Zeit schnell vergeht.
Jeder Autor führt den Leser zunächst mit viel Sachkenntnis und Liebe zum Detail in die jeweilige Region ein, Informationen zur Geschichte, zum Weinbau und über die Landschaft lassen die Gegend lebendig werden. Dazu kommen Exkurse zu gebietstypischen Rebsorten, in denen auch weniger anerkannte Traubensorten anhand entsprechender Belege die ihnen laut Autor gebührende Würdigung erhalten. Spätestens, wenn die Winzer ins Spiel kommen und in kurzen, charakteristischen und prägnanten Portraits Gestalt annehmen, bekommt man Lust, mehr zu sein, als (nur) passiver Konsument (Achtung: Das Buch macht unweigerlich Lust auf ein schönes Glas Wein - vorher Vorräte überprüfen!). Dabei setzt das Autorenteam auf eine gute Mischung aus etablierten, traditionsreichen Winzern mit "großem Namen" und jungen, aufstrebenden "Wilden", die neue Wege gehen und mit verschiedenen Methoden und Stilen experimentieren - mit spannenden Ergebnissen. Der Leser bekommt eine Fülle von Informationen, ohne selbst alle Gebiete und Winzer bereisen zu müssen - aber mit diesem Hintergrundwissen macht ein Winzerbesuch oder einfach ein Glas Wein in oder aus der Region noch mehr Spaß.
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Angereichert sind die lebendigen Schilderungen mit Tabellen zur Entwicklung der wichtigsten Rebsorten in den Anbaugebieten, deren Zu- und Abnahme in Bezug auf die Anbauflächen über einen längeren Zeitraum und die Einschätzung von Pigott zur weiteren Entwicklung. Hier wird noch mal in Zahlen deutlich, wie sich der Weinbau und die Reblandschaft in den letzten zwanzig oder mehr Jahren - je nach vorliegendem Zahlenmaterial - drastisch verändert hat. Dazu sind in separaten Informationskästen eine Handvoll besonders interessanter Weine aufgeführt, welche die typischen Rebsorten und Stilrichtungen der Region widerspiegeln. In der Regel liegen sie preislich unter zehn Euro - maximal bis 15 Euro - und stehen damit für gute Qualität zu einem erschwinglichen Preis.
Am Ende findet der Leser eine Liste der aufgeführten Erzeuger mit Kontaktadressen, in der Reihenfolge der vorgestellten Weinregionen. Was leider fehlt, ist ein Gesamtverzeichnis, in dem alle Winzer und Weingüter alphabetisch nachgeschlagen werden können sowie ein Schlagwortverzeichnis. Dafür gibt es ein Weinglossar, das die wichtigsten Begriffe allgemeinverständlich erläutert.
Fazit: Ein gewichtiges Werk, das deutschen Wein spritzig präsentiert, mit einer Fülle an Fakten aufwartet, aber sich dennoch leicht und locker liest. Ein Weinbuch, das zum erstes Mal sämtliche deutschsprachigen Weinregionen so umfassend abhandelt und damit sicher auch als Standardwerk bezeichnet werden kann. Dem weniger kundigen Weinfreund könnte allerdings von all den Details zu Bodenbeschaffenheit und lagentypischen Besonderheiten der Kopf schwirren.