Philippe Besson ist ein Meister der imaginierten Prosa. Schon in seinem Buch Nachsaison umspielt er ein Bild von Edward Hopper mit einer erdachten Geschichte. Das Cover zum vorliegenden Roman weist darauf hin: Marcel Proust wird die zentrale Figur in dieser Erzählung sein.
Ein hübscher Jüngling von 16 Jahren tritt auf. Er ist um die Jahrhundertwende geboren und von ungewöhnlich schönem Aussehen und guten Manieren. Vincent, Sproß eines schon älteren Ehepaars und aus altem französischem Adelsgeschlecht, begegnet in einem der Gesellschaftssalons um 1916 dem Avantgardedichter des französischen Fin de Siècle, Marcel Proust.
In einem inneren Dialog gibt Vincent seine Impressionen und Gedanken zu seinem Fühlen und Denken preis. So unschuldig er auch aussieht: weit her ist es nicht damit. Sich seiner Schönheit wohl bewusst, hat er schon frühe Amouren hinter sich gebracht und weiß um seine Anziehungskraft. Nun zieht es ihn zu dem sehr viel älteren Dichter hin. Zugleich pflegt er ein Verhältnis zu Arthur. Dieser ist der Sohn der Haushälterin seiner Eltern. Während ihn sein Vater vor dem ungleichen Umgang warnt, ist die Mutter eher zurückhaltend. In den Augen des Sohnes ist sie zu dumm, um zu verstehen, welcher Art das Verhältnis ist.
Zu Arthur besteht eine enge körperliche Bindung. Sie ist gequält und getrübt durch die Trauer, mit der Arthur aus dem 1. Weltkrieg auf Heimaturlaub kommt und immer wieder von Neuem dorthin zieht, den Tod ständig vor Augen. Vincent ist in seiner Unschuld unbelastet von den Eindrücken des elenden Krieges. Zu Marcel, wie er ihn vertraulich nennen darf, besteht eine eher platonische Liebe. Mit ihm hält er geistigen Austausch über sein Verhältnis zu Männern, zu Fragen der Ästhetik und über sein Verhältnis zu Frauen. Letztere finden bei Proust in der Gestalt seiner Mutter die Personifizierung der abgeklärten, unerreichbaren Liebe.
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Philippe Besson ist ein erfindungsreicher Erzähler. Seine Personen sind in Anlehnung an bekannte öffentliche Persönlichkeiten als fiktive Figuren zu erkennen. Zugleich erfasst er das Wesentliche im Denken eines Schriftstellers wie Marcel Proust. Die Gespräche zwischen ihm und Vincent zeugen von der tiefen Empfindsamkeit, die den Dichter ausgezeichnet hat. Die manifest bezeugte Homoerotik bekommt einen sehr realen Anstrich. Mit Vincents Unschuld, die nicht des Wissens und der Koketterie entbehrt, lässt uns Besson eine Zeit miterleben, in der Dekadenz, Empfindsamkeit und die unmittelbaren Schauer der Kriegsereignisse eine seltene Symbiose bildeten.
Die Überschriften Hingabe, Trennung und Verlust lassen uns einen Blick auf das Leben der drei Protagonisten in den Anfangsjahren es 20. Jahrhunderts werfen. Hoffnungsvolle und begabte Künstler verloren im Krieg ihr Leben. Marcel und Vincent schauen von außen zu, Arthur sieht den Krieg aus der Sicht des Opfers und Beteiligten. Realistisch und konsequent zeigt uns der Dichter das Dreiergespann.
Ein eindrucksvolles und delikates Thema ist hier von Besson verarbeitet worden. Seine Romane kann man immer als ungewöhnliche Kunstwerke empfehlen. Das Thema Homosexualität wird aus gesellschaftspolitischer und moralischer Sichtweise auf hohem literarischem Niveau erörtert.