Künstlerin Gerlinde Gschwendtner gibt in ihrem Buch anhand von 5 Kapiteln wie etwa „Hintergrundwissen“, „Technik und Stil“, „Motive und Figuren“ eine Übersicht über die Möglichkeiten der künstlerischen Darstellung des Menschen. Der Veranschaulichung der Theorie dienen dabei eine Vielzahl ihrer eigenen Werke, die, beispielsweise in Tusche und Aquarell, Acryl oder Kohle gefertigt, den jeweiligen behandelten Themenkomplex auch visuell greifbar machen sollen.
Der Titel der Reihe „Kunst-Akademie“ könnte dazu verführen, im vorliegenden Werk eine praktische Anleitung bzw. Hilfestellung für interessierte Anfänger oder fortgeschrittene Künstler zu erwarten, wofür auch praktisch anmutende Kapitelbenennungen wie „Bildaufbau“ oder „Umsetzung der Bildidee“ sprächen. Dem ist jedoch nicht so. Entsprechend dem hier intendierten Programm des Englisch-Verlags weist das Buch vielmehr „Bildbandcharakter“ auf, was diese Lektion der „Kunst-Akademie“ in Summe einem kommentierten Katalog von Gschwendtners Werken ähneln lässt.
In durchaus zu begrüßender technischer Variationsbandbreite (Kohle, Acryl, Aquarell u.v.m.) zeigt die Künstlerin ihr Schaffen und kommentiert dieses kapitelgerecht in puncto Stil, Motiven, Techniken etc. Die Autorin betont zwar in ihrer Einleitung, dass ihre eigenen Werke nicht der Illustration der Worte dienen, sondern vielmehr „eigenständige Gestaltungsanstöße“ darstellen sollten, und sie durch ihr Buch mehr Kenntnisse und Wissen vermitteln wolle, doch muss man sich bei genauerer Betrachtung der verbalen und bildlichen Gestaltungsanstöße doch fragen, welches Publikum die Autorin dabei nun im Auge hatte.
Der interessierte Laie wird es vermutlich für praktische Zwecke zu wenig finden, wenn sich die Grundlagen der Proportionslehre in der Information erschöpfen, dass diese durch „die Einteilung des menschlichen Körpers in 8 Teile auf Basis des Proportionsmaßes des Kopfes“ vonstatten geht. Der fortgeschrittene Künstler dagegen mag bereits darüber Bescheid wissen, dass Kinderdarstellungen ein „liebevolles, teils sentimentales Betrachten“ auslösen und helle Farben „freundlich, leicht und fein“ wirken.
Anzeige Besitzt man bereits das Wissen, um sich von Gschwendtners Werken tatsächlich praktisch inspirieren lassen zu können, wird man viele der von der Autorin gegebenen verbalen Informationen schon zuvor verinnerlicht haben und vielleicht noch als willkommene Wiederholung von Basiswissen empfinden. Besitzt man ein solches jedoch noch nicht, wird man das künstlerische Schaffen Gschwendtners zwar wie eine kommentierte Vernissagebeilage betrachten können, über dieses Vermögen jedoch durch Unkenntnis von Proportionslehre, Räumlichkeit u.ä. zumindest ohne Zuhilfenahme externer Quellen nicht hinauskommen.
Da der Angelpunkt des Buches in Summe trotz eines durchaus interessanten kunstgeschichtlichen Abrisses und ansprechend formulierten Informationen zu Surrealismus, Naturalismus und ähnlichen Strömungen aus der eigenen Kunst der Autorin besteht und sich über Geschmack bekanntlich nicht streiten lässt, muss zuletzt durch individuell vorhandene oder nicht vorhandene Vorliebe für Gschwendtners Stil und Schaffen über Qualität und Sinnhaftigkeit der Lektüre entschieden werden. Denjenigen, denen es weniger um die Betrachtung eines individuellen oeuvre als vielmehr um allgemeine technische oder epochenspezifische Informationen geht oder die sich für eine Art Workshop in Buchform interessieren, sei jedoch durch den Bildband-Charakter des Werkes eher davon abgeraten.
Gerlinde Gschwendtner Die Kunst-Akademie: Der Mensch. Gestaltung und bildnerischer Ausdruck Englisch Verlag, 2005
112 Seiten, gebunden, 34,00 Euro
ISBN 10: 3824112728
ISBN 13: 978-3824112722