Eine Welt ganz ohne Verbrechen? Sicher, aber nicht ohne Einschränkungen in der Privatsphäre – das versprechen Politiker und Sicherheitsdienste eines neuen staatenähnlichen Gebildes. Die Entscheidung, ob dieser „Staat“ den USA „beitreten“ darf, steht kurz bevor. Und was könnte störender sein als eine Serie von Gewaltverbrechen in ebendieser ach so sicheren Region?!?
John Katzenbach hat nicht nur eine Liebe für Serienverbrecher, sondern auch für neue Welten. Eine solche sichere neue Welt entwirft er in seinem aktuellen Thriller Das Rätsel. Sein Held ist Jeffrey Clayton, ein Psychologieprofessor, der auf das Profiling von Serienkillern spezialisiert ist, und der noch in der „alten“ von Verbrechen dominierten Welt der USA lebt. Gerade der Campus erweist sich für viele seiner Kollegen und Studenten als Vorort der Hölle, und so reagiert Clayton auch alles andere als erfreut, als ihn ein fremder und rätselhafter Mann nach seiner Vorlesung anspricht. Dieser Mann kommt von der State Security, die für die Sicherheit im neuen Bundesstaat sorgen soll und rekrutiert Clayton, eine Serie von Morden in diesem neuen Bundesstaat aufzuklären – unauffällig und ohne Aufsehen zu erregen, versteht sich, wurden die Morde doch offiziell als Unfälle hingestellt. Die Recherchen zu diesem Verbrechen, das es eigentlich nicht geben darf, führt Clayton auf verschlungenen Pfaden zurück in seine eigene, dunkle Familiengeschichte. Die Morde ähneln einer Tat aus Jeffreys Nachbarschaft, die 25 Jahre zurückliegt. Damals zählte sein eigener Vater zu den Verdächtigen – bis er kurz darauf auf mysteriöse Weise ums Leben kam.
Anzeige Im Gegensatz zu vielen vorhergehenden Büchern Katzenbachs, die an Grausamkeit und Brutalität eigentlich kaum zu überbieten waren, schaltet er dieses mal zwei, drei Gänge zurück. Was nicht heißen soll,Das Rätsel sei langweilig. Ganz im Gegenteil. Die verschiedenen Tempovariationen, die ausgearbeiteten Dialoge und der Verzicht auf all zu viele Psycho-Schock-Elemente tun seinem Roman sehr gut. Die Handlung ist nachvollziehbar, viele Stränge fügen sich wunderbar leicht und unangestrengt zusammen und lassen dennoch Platz für einige überraschende Wendungen. Zudem gewinnen die psychologische Elemente: Seine Protagonisten haben eine differenziertere Vorgeschichte und ein menschlicheres und damit auch glaubwürdigeres und nachvollziehbareres Innenleben als viele Protagonisten seiner Vorgängerromane. Der einzige Punkt, über den man streiten darf, ist die Frage der Plakativität. Dass sich die State Security gerne mit SS abkürzt und von der Organisationsstruktur auch der historischen SS nachempfunden ist, und das Herumreiten auf der exzessiven Gewaltbereitschaft in den „alten“ USA stoßen ein wenig übel auf. Hier hat man das Gefühl, es schreibe einer mit dem Holzhammer, damit niemand, aber auch wirklich niemand, diese Analogie übersieht.
Ansonsten haben wir es mit einem gut durchdachten, im besten Sinne des Wortes weitläufigen Thriller zu tun, der, wo es nur geht, auf billige Show-Effekte verzichtet und stattdessen viele packende Geschichten auf unterschiedlichen Ebenen erzählt, die sich mühelos zu einem großen Ganzen zusammenfügen. Besonders erwähnenswert ist die Beziehungskonstellation von Jeffrey Clayton zu seiner Schwester und die zwar altbekannte hier aber gut umgesetzte Vater-Sohn-Beziehung.
Förderte der letzte Thriller Katzenbachs doch einige Ermüdungserscheinungen zu Tage, gibt’s beim Rätsel kaum was zu meckern. Und so bleibt nur die Empfehlung: Lesen, sich gefangen nehmen lassen und das Atemholen nicht vergessen.
John Katzenbach Das Rätsel Psychothriller. Aus dem Amerikanischen von Anke Kreutzer Januar 2008
Droemer/Knaur
688 Seiten, broschiert
ISBN: 3426637588
Preis: 8,95 Euro