„Warum? Sie töten unsere Seelen, die nur dafür da sind, um zu lieben. Ihr sollt verdammt sein. Aber trotzdem werde ich sie nicht verfluchen, weil auch sie Väter von Kindern sind, die Frieden und Glück suchen.“
Die zwölfjährige Nina schreibt diese Sätze in ihr Tagebuch – wenige Tage bevor sie auf dem Schulweg durch eine Granate getötet wird, die in ihrem Wohnviertel in Sarajewo explodiert. Sie ist die letzte Tote von über 12 000 in der bosnischen Hauptstadt.
Zehn Jahre später entdeckt Elvis, ein früherer Spielkamerad, dort eine Gedenktafel für Nina. Erschrocken macht er sich auf die Suche: er will herausfinden, was passiert ist. Er findet Ninas Familie, ihre Mutter zeigt ihm Ninas Tagebuch, das sie an einen „Vili“ geschrieben hat. Dieser Vili ist niemand anderer als Elvis selbst, der zu Kriegsbeginn aus Sarajewo nach Deutschland fliehen konnte und nun zurück ist. Je mehr Elvis über Nina erfährt, desto besser begreift er, wo er herkommt und wie er davongekommen ist. Und er will von Ninas kurzem Leben und ihrem schrecklichen Tod erzählen. Seine aufwühlende Spurensuche schreibt er auf im Wechsel mit Ausschnitten aus Ninas Tagebuch.
Der Journalist Peter Münch hat in „Der Duft des Lindenbaums“ Realität und Fiktion miteinander verknüpft und ein berührendes Zeitdokument geschaffen.
Peter Münch, Jahrgang 1960, wuchs in Düsseldorf auf und promovierte nach seinem Studium in Geschichte. Münch lebt mit zwei Söhnen (11 und 15 Jahre alt) in München. Seit 1990 arbeitet er bei der „Süddeutschen Zeitung“, für die er zehn Jahre lang als Reporter in Kriegs- und Krisengebieten u.a. auf dem Balkan, in Afghanistan und im Irak unterwegs war. Heute leitet er das Ressort „Seite Drei“ der SZ.
Weil er seinen Söhnen immer wieder vom Krieg erzählen musste, von den Kriegen, über die er als Journalist für die Süddeutsche Zeitung berichtet, weiß Peter Münch, wie schwer es ist, Kindern Krieg zu erklären, verständlich zu machen, wie Kinder im Krieg leben, ihn überleben – oder getötet werden. „Der Duft des Lindenbaums“ ist eine traurige Geschichte, aber auch eine, die tröstet, weil Kinder auch im Krieg Kinder bleiben, so klug, so lustig, so unschuldig und so mädchenhaft wie Nina eben.
Peter Münch ist zehn Jahre nach Kriegsende nach Sarajewo, in die damals eingekesselte Stadt gefahren, um über den Wiederaufbau zu berichten. Er hat Ninas Geschichte über die Gedenktafel gefunden, die ein zunächst Unbekannter für die kleine Tänzerin errichtet hatte, er hat ihre Eltern getroffen, die inzwischen in Amerika gelebt hatten und zurückgekehrt sind. Die Familie Zeljkovic hat ihm ihre Geschichte anvertraut, und ihr Kostbarstes, Ninas Tagebuch: ein buntes, lustiges, verziertes und verspieltes Mädchentagebuch, in dem sie von ihrem Hund, ihren Freundinnen, ihrem Verliebtsein erzählt.