Arsène Lupin gehört ganz genau so wie Sherlock Holmes, Pater Brown oder Kommissar Maigret zu den klassischen Krimigestalten der Weltliteratur, deren Abenteuer in Serie gingen und sowohl bei den lesenden Zeitgenossen Erfolge feiern konnten als auch der Nachwelt noch ein Begriff sind bzw. immer noch gelesen werden.
Der Franzose Maurice Leblanc schuf mit Lupin einen prototypischen Meisterdieb: Er ist ein galanter Gentleman, der auf allen Hochzeiten den passenden Kniggeratschlag locker und charmant beherzigt und zugleich auch über unnachahmliche kriminelle Züge verfügt – alles natürlich im Dienste und zum Wohle der Gerechtigkeit! Inspirieren ließ er sich hierfür von dem Lebemann und als Anarchisten bekannt gewordenen Marius Jacob (man erinnere sich auch an „Dagobert“), der seinerzeit mehr als 150 Einbrüche verübte und dafür zu 23 Jahren Gefängnis verurteilt wurde.
In dem Roman Die Gräfin von Cagliostro schildert Leblanc das allererste Abenteuer seines Helden – quasi seine Initiation in den Stand des Meisterdiebes, aber auch seine Initiation in die Liebe und die ersten Verbrechen. Die Gräfin von Cagliostro, die Tochter eines des größten Verschwörers und Hochstaplers des 18. Jahrhunderts wird von Lupin unverhofft aus einer schier ausweglosen Situation befreit. Mindestens ebenso unverhofft wie diese Rettung ist auch mindestens eine Eigenschaft der Gräfin: Sie ist unsterblich – und dabei sagenhaft hübsch, weswegen ihr Lupin stante pede verfällt. Und so gerät er nicht nur in den Bann der Gräfin sondern wird auch zu ihrem Gehilfen auf der Suche nach einem sagenumwobenen Schatz normannischer Mönche. Da die beiden nicht die einzigen sind, die des Schatzes Witterung aufgenommen haben, gerät Lupin bald in einen Strudel aus Betrug, Verbrechen, Liebe, Wahnsinn und Mord.
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Leblanc gelingt ein temporeicher und humorvoller Roman, in dem er seinen Protagonisten, der nun zum Helden einer schier endlosen Serie avancieren wird, einführt. Zwischen 1907 und 1935 erscheinen insgesamt 20 Romane und unzählige Kurzgeschichten rund um Arsène Lupin. Dabei handelt es sich mitnichten um eine bloße Pappfigur, die allein den Bedürfnissen einer spannenden Handlung gerecht wird. Nein, man hat eher den Eindruck, dass Leblanc an der ein oder anderen Stelle mit sich gerungen hat, ob er seinem Helden oder sein Held ihm folgen soll.
Dankenswerterweise hat sich immer wieder sein Held durchgesetzt, der so an Lebendigkeit, an Charme und Eigenständigkeit ungemein gewonnen hat. Natürlich ist das alles sehr traditionell erzählt. Man wird keine schockierenden und an Brutalität kaum zu übertreffenden Morde zu lesen bekommen – und auch Profiler treten ebenso wenig auf wie Polizeipsychologen. Dass das Buch dennoch seinen unbezwingbaren Reiz entfaltet, liegt an der Schnörkellosigkeit und dem leicht betulichen aber sehr sympathischen Erzählgestus, bei dem man sich während des Lesens in eine lang zurückliegende Zeit zurückversetzt fühlt, in der auch eben genannter Sherlock Holmes sein „Unwesen“ trieb.
Der Roman ist sehr traditionell konzipiert aber eben auch sehr charmant und sehr unterhaltsam. Es bleibt zu hoffen, dass der Verlag viele weitere Abenteuer des Arsène Lupin neu auflegen wird!
Maurice Leblanc Die Gräfin von Cagliostro oder: Die Jugend des Arsène Lupin. Aus dem Französischen von Erika Gebühr
Mathhes & Seitz Berlin, 2007
400 Seiten, gebunden, EUR 22,80
ISBN 10: 3882216107
ISBN 13: 978-3882216103