Nachdem Will und Lyra, die beiden Helden der "Der Goldene Kompass"-Trilogie, erfolgreich das Magische Messer an sich gebracht haben, mit dem man alles durchschneiden und den Zugang zu unzähligen Welten öffnen kann, gerät Lyra in Gefangenschaft ihrer Mutter, der eiskalten Mrs. Coulter. Will, der das Messer eigentlich Lord Asriel übergeben wollte, um diesen im Kampf gegen die Höchste aller Autoritäten zu unterstützen, macht sich stattdessen auf die Suche nach seiner Freundin, um sich mit dieser gemeinsam der düstersten aller Aufgaben zu stellen und zur Begleichung einer alten Schuld das Totenreich aufzusuchen.
Die Schönheit der Melancholie
Das Finale der großen Trilogie rund um Parallelwelten, kosmischen Staub und den menschlichen Kampf gegen die göttliche Bestimmung erinnert in puncto Komplexität wieder deutlich an den ersten Teil der Reihe: Unzählige Verstrickungen, Zusatzinformationen und parallel erzählte Handlungsstränge stürmen auf den Leser ein und wollen mitgedacht, rezipiert und verstanden werden, um der Handlung folgen zu können.
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Obgleich schon die beiden ersten Teile der Trilogie sowohl stilistisch fordernd als auch inhaltlich komplex und zuweilen recht düster waren, sticht "Das Bernstein-Teleskop", die vorherrschende dunkle Stimmung betreffend, noch einmal gesondert hervor: Krieg und Tod, moralische Abgründe und düstere Aussichten begegnen den jugendlichen Helden dort, wo es zuvor auch noch Unbeschwertheit, kindliche Freuden und die Leichtigkeit des Seins gab. Nun erhebt sich die Menschheit in einem letzten verzweifelten Aufbegehren gegen die Herrschaft Gottes, man steigt in die Welt der Toten hinab und das Licht am Ende des Tunnels scheint endgültig erloschen.
Stilistisch gekonnt und in kraftvollen Bildern schildert Pullman die Reise seiner so verloren wirkenden und deutlich gereiften Protagonisten durch eine feindselige Welt, in der Loyalität oft mit Einsamkeit und Mut nicht selten mit dem Tod endet. Doch wo viel Schatten ist, muss es auch irgendwo Licht geben, und dieses findet sich tatsächlich. Der Autor versteht es, neben den Gräueln des Schreckens, der Einsamkeit und der Angst auch zu zeigen, was solche Umstände in zwei Menschen bewirken können: Unbedingte Treue, tiefste Verbundenheit und die Bereitschaft, einander überallhin zu folgen. Gemessen daran rücken der eigentliche Zweck und die Bedeutung des Kampfes der Menschheit gegen die göttliche Allmacht bei aller Breite der Schlachtendarstellung thematisch zwar deutlich in den Hintergrund, was aber durch die eindringliche Stärke der Darstellung von menschlichen Hoffnungen, Schwächen und Sehnsüchten erstaunlicherweise nicht störend auffällt.
Tragisch, dramatisch, aber immer poetisch schildert Pullman im Finale seines Fantasy-Epos das Leben als eine Macht, von der man nur selten Freundlichkeit oder Gnade zu erwarten hat, in der die richtigen Entscheidungen meist die schmerzhaftesten sind und in der dennoch oder vielleicht gerade deshalb die Liebe so wunderbar süß und bedeutungsvoll ist. Tragisch schön.