Lena Gorelik erzählt in ihrem neuen Buch von wirren Identitäten und verstrickt sich dabei selbst in ihren Geschichten. Ein wirrer Roman, in dem einiges nicht zusammengehen will und dem es auch an Tiefe fehlt.
„Hallo Leute! Ich bin gar nicht auf der Suche nach einer Frau, sondern nach Informationen.“ Auf diese Weise lernt Anja Julius in einer Internet-Kontaktbörse kennen. Julius, ein Student Anfang zwanzig, will Neues über das Judentum erfahren. Sein Vater hat ihm an seinem letzten Geburtstag nebenbei erzählt, dass er jüdische Großeltern habe, die beide in Auschwitz ermordet wurden. Geschockt von dieser Neuigkeit begibt sich Julius auf die große Suche nach sich selbst und stößt dabei auf Anja, die Ich-Erzählerin des Romans.
Auch Anja erfährt von ihren Eltern eher zufällig, dass sie jüdisch ist. Als sie in kindischem Übermut eine Freundin gegenüber ihrer Mutter als „richtige Jüdin“ bezeichnet, weil diese in der Nase bohre, wird sie von den Eltern zur Raison gerufen und mit ihrer jüdischen Identität konfrontiert. Mit elf Jahren zieht Anja, wie auch die Autorin des Buches, mit ihren Eltern aus dem russischen St. Petersburg nach Deutschland, wo die Eltern ihre jüdische Identität wie so viele Spätaussiedler wiederentdecken. Anja wächst so zwischen den Stühlen verschiedener Selbstbilder auf: als Deutschrussin mit jüdischen Wurzeln, deren emotionales Heimatland aber nach Vorstellung der Eltern Israel sein soll. „Heimat, was ist das schon?“, lässt Lena Gorelik ihre Protagnistin resigniert erkennen. Und auch wenn dies ein durchaus vorstellbares Szenario für nicht wenige der nach Deutschland zurückgekehrten Russlanddeutschen ist, so stößt diese Randgruppenidentität, die die Autorin aus der eigenen Biografie heraus auf ihre Hauptperson überträgt, doch schon frühzeitig beim Leser auf.
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Nach dem Austausch einiger Emails beschließen Anja und Julius, sich zu treffen. Anja wird Julius’ Begleiter durch seine, von des Vaters Geständnis ausgelöster Identitätskrise. Auf dem Weg seiner Suche zu sich selbst steht sie ihm bei und begleitet ihn aus Gründen, die sie selbst nicht ganz versteht, zu den verschiedensten Beratungsgesprächen: Sie geht mit ihm in die Synagoge, begleitet ihn zu jüdischen Seminaren und besucht mit ihm gemeinsam die Familie eines orthodoxen Rabbiners. Dass sich Julius ausgerechnet für dessen religiöse Tochter begeistert, passt Anja gar nicht. Im „Scheinheiligen Land“, in das beide gemeinsam reisen, geraten Anjas Gefühle für Julius, der doch so gar nicht ihr Typ ist, schließlich völlig durcheinander.
Die 26jährige Autorin Lena Gorelik, die für ihr Romandebüt „Meine weißen Nächte“ mit dem Bayrischen Kunstförderpreis ausgezeichnet und von den Feuilletons hoch gelobt wurde, verpasste mit ihrem zweiten Werk den Sprung auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises. Allerdings muss man sich da nicht wundern, denn wenn dieses Buch zu den sechs besten deutschen Romane im vergangenen Jahr gehört hätte, stünde es nicht gut um die Literatur in diesem Lande. Nicht dass Goreliks Roman schlecht wäre, jedoch fehlt es ihm an Tiefe und Intensität. Die junge Autorin erzählt hier eine Geschichte, die ohne Höhepunkte dahinplätschert und auch sprachlich nicht überzeugt.
Die Identitätsfindung von Julius wechselt sich mit der Rekapitulation der eigenen Suche nach dem Selbst der Ich-Autorin und den dabei gesammelten Erfahrungen. Dabei vollzieht sie eine Abrechnung mit Allem und Jedem, denen man in einer solchen Selbstfindung gegenübertreten kann. Mehr oder weniger amüsante Geschicht’chen und Anekdoten reihen sich aneinander, die zu einem nicht zu unterschätzenden Teil auf den Klischees beruhen, die dem Judentum im Allgemeinen und im Besonderen sowie der verklemmten deutschen Reaktion auf selbiges entgegengebracht werden können. Selbst die zuweilen doch recht absurd anmutende Debatte der deutschen Linken um den israelisch-palästinensichen Konflikt bindet die Autorin auf sarkastische Weise mit ein. Eine Debatte mit einigen Freuden von Julius kommentiert die Ich-Erzählerin entrüstet: „Statt dessen lasse ich mir meinen wirklich geringen Fleischkonsum von einer Frau vorwerfen, die zwar gute provegetarische und bestimmt auch propalästinensische sowie feministische Argumente vorzutragen weiß, aber sich wahrscheinlich von ihrem Vater finanzieren lässt und womöglich zu Hause ihren schweigenden Freund bekocht. Es ist leicht links zu sein, wenn man reiche Eltern hat.“
Es entsteht ein verwirrendes Gemisch an Erzählungen aus aller Welt, die irgendwie auch die jüdische Identität und Multikulturalität widerspiegeln. Neben den Geschichten aus dem Russland der ausgehenden achtziger Jahre finden sich Anekdoten aus dem russisch-jüdischen Viertel Klein Odessa in New York, Berichte von Holocaust-Überlebenden, Beschreibungen des jüdischen Daseins in Israel, des deutsch-russischen Lebens in Deutschland sowie der jüdischen Wiederbelebung unter den Russlanddeutschen. Ob das Typische hier das Jüdische, das Russische, das Deutsch-Russische oder aber das schlicht Menschliche sein soll, bleibt unklar. So weigern sich diese Einzelteile, ein großes Ganzes zu bilden. Sie bleiben leider einfach nur nebeneinander stehen.
Anja, die russische Jüdin, die seit ihrer Kindheit in Deutschland lebt, fährt mit ihrem Freund Julian nach Israel, um ihm bei dessen Suche nach seinen Wurzeln zu helfen. Konfrontiert wird sie dabei nicht nur mit der Frage, was Jüdischsein in Deutschland heute bedeutet, sondern auch mit ihrer liebenswert-nervigen Familie, die einen guten Vorwand gefunden hat, sich der Reise spontan anzuschließen.
"Es ist nämlich so: Mein Bruder ist noch nicht verheiratet, obwohl er fast dreißig ist. Flüsternd erkundigen sich Tanten und Großtanten aus Russland, Israel, Amerika und sogar Australien, ob er denn nicht jemand Nettes...Nein, seufzt meine Mutter, er ist zu schüchtern. Sie findet, ich, seine Schwester, könne gefälligst behilflich sein. Mein Argument, daß ein erwachsener Mann sich nicht von seiner Schwester verkuppeln läßt, hält sie für nicht stichhaltig. Es mache sie traurig, daß mir meine Familie anscheinend egal ist..."
Eigentlich wollte Anja ihre Reise nach Israel mit ihrem neuen Freund Julian dazu nutzen, über ihre eigene dreigeteilte Identität nachzudenken und Julian zu helfen, seinen jüdischen Wurzeln auf die Spur zu kommen. Jedoch der spontane Entschluß ihrer Familie, die Hochzeit einer entfernten Cousine in Jerusalem zum Anlaß zu nehmen, sie zu begleiten, wirft noch ganz andere Themen auf. Zum Beispiel, wessen Hochzeit als nächstes gefeiert wird.