„Seit fünfzehn Jahren versetzt Serhij Zhadan sein osteuropäisches Publikum in Erstaunen. Seine Lesungen sind überfüllt wie Popkonzerte“ – so wirbt der Klappentext des Romans „Depeche Mode“. Der Mann muss also in der Ukraine ein Kult-Autor sondersgleichen sein, und den Burda-Preis für osteuropäische Lyriker hat er letztes Jahr auch gewonnen. Dass der Roman dennoch über weite Strecken kaum unterhaltsamer zu lesen ist als ein deutscher Steuerbescheid, mag verschiedene Gründe haben.
Erstens: vielleicht funktioniert ukrainische Literatur auch mit wenigen Inhalten (einen halbgaren Witz über eventuelle planwirtschaftliche Mängel werde ich mir an dieser Stelle verkneifen). Wenn einige Freunde stundenlang in einer Fremden Wohnung sitzen, zwischendurch einer nach dem anderen einschlafen, wieder aufwachen, viel Alkohol trinken und über Belanglosigkeiten reden, und wenn das noch über gefühlte 50 Seiten hinweg beschrieben ist, dann mag das in der ukrainischen Literatur vielleicht ganz großes Kino sein. In „Depeche Mode“ passiert nicht wirklich viel mehr: ein kleiner Einbruch, ein paar dubiose Gestalten, die auftauchen und wieder verschwinden, und viel, viel Alkohol – das ist im Wesentlichen schon der Inhalt.
Zweitens: vielleicht kommt es in ukrainischer Literatur eher auf die Form an.Die ist, zugegeben, für einen Roman nicht ganz gewöhnlich: in bester Trainspotting-Manier erzählen hier mehrere Gestalten aus verschiedenen Perspektiven, und weil jede Figur mindestens noch einen Spitznamen hat, ist es da nicht ganz leicht, zu folgen. Was auch ungewöhnlich ist: dem Roman gehen mehrere Prologe voran – die zusammen schon 80 Seiten des Buches füllen. Das ist weder experimentell noch spektakulär, nur bekommt man so die Langeweile aus verschiedenen Perspektiven geschildert. Was das ganze nicht unbedingt spannender macht. Natürlich braucht man keine durchgehende Erzählperspektive und keine lineare Handlungsführung, um einen guten Roman zu schreiben – diese Dinge aber einfach wegzulassen, macht einen Roman aber im Umkehrschluss auch nicht automatisch gut.
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Es gibt allerdings auch Lichtblicke in diesem Buch.Wie zum Beispiel zu Beginn ein dubioser Wanderprediger in der ukrainischen Stadt Charkiw Station macht und seine Predigt von einer Dolmetscherin – teilweise sehr frei und nicht immer ganz sinnerhaltend – ins Ukrainische übersetzen lässt, ist wirklich unterhaltsam zu lesen. Und auch die namensgebende Radioübertragung, die über die Geschichte des „bekannten irischen Künstlerkollektivs Depeche Mode“ berichtet („eines kalten Herbstabends 1980 begegnet Dave in einem Hafenbordell in Ulster einer hübschen Blondine namens Gore“), ist sicherlich ein Höhepunkt. Zwischen diesen Höhepunkten – die man besser als Kurzgeschichten veröffentlicht hätte, anstatt sie mit nichtssagenden Ausschweifungen zu einem Roman zu verkleistern – liegt allerdings seitenweise alkohol- und drogenschwangere Ödnis.
Diese Ödnis ist so dominant, dass man beim Lesen nicht umhin kommt, sich den Spielort Charkiw als düstere, hauptsächlich aus halbverfallenen Platten- und Industriebauten bestehende Geisterstadt vorzustellen, die im verregneten Dämmerlicht irgendwo in der ukrainischen Taiga vor sich hin rottet. Schlägt man dann bei Wikipedia unter „Charkiw“ nach (zum Beispiel, weil man als Redakteur über dieses Buch berichten und sich vorher mit etwas Hintergrundinformation versorgen will), so ist man erstaunt, wie hübsch und pittoresk diese Stadt in Wirklichkeit ist.
Vielleicht ist es auch das, was den Autor zum Star macht: dass er unterschwellig eine andere, nicht aufpolierte und in bester sozialistischer Manier herausgeputzte Ukraine zeigt. Allerdings hilft das dem deutschen Leser auch nicht unbedingt weiter. Vielleicht ist das Buch im Original auch voll von geschickten und zum Brüllen komischen Wortspielen, die sich nur leider nicht aus dem Ukrainischen ins Deutsche übertragen ließen.Warum die Ukrainer in Scharen zu Zhadans Lesungen strömen, bleibt nach Lektüre dieses Romans jedenfalls weiterhin ein Rätsel.