Der 12-jährige Will gelangt auf der Suche nach seinem Vater, einem verschwundenen Polarforscher, aus unserer Welt in eine geheimnisvolle weitere. Dort begegnet er Lyra, der jungen Heldin aus dem ersten Band der Trilogie, die ebenfalls nach ihrem Vater, Lord Asriel sucht. Dieser hat das Tor zu jener fremden Welt geöffnet, um in den Kampf gegen die Höchste aller Autoritäten zu ziehen. Gemeinsam mit Will begibt sich Lyra auf die Jagd nach dem legendären magischen Messer, welches alles durchschneiden und den Zugang zu unzähligen Welten öffnen kann…
Aischylos lässt grüßen: Die Griechische Tragödie im Fantasygewand. Pullmans zweiter Teil der Trilogie kann bereits auf dem Vorwissen seiner Leser aufbauen, welches diese aus dem ersten Teil gewonnen haben: Erste Hinweise auf Herkunft und Zweck des kosmischen Staubes, die Eigenarten von Lyras Welt und ihre große Aufgabe, Lord Asriel zu folgen, um diesen davon abzuhalten, die Quelle des Staubes und damit den Allschöpfer selbst zu bekämpfen. Dadurch fällt „Das Magische Messer“ weit aktionsorientierter als „Der Goldene Kompass“ aus, in dem die Notwendigkeit der Erklärungen sowie der Etablierung der Handlungsgrundstruktur noch deutlich zu bemerken ist.
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Im vorliegenden Band hingegen sind die wichtigsten Charaktere mit Ausnahme einer neuen Person dem Publikum bereits bekannt, Kenntnisse über dämonische Seelenträger und die Parallelwelten-Theorie dürfen ebenso vorausgesetzt werden, und dies macht den erzählerischen Weg für gut 300 Seiten Aktionen, Abenteuer und neue Rätsel frei. Dass Lyra im ersten Teil der Trilogie dazu bestimmt war, zur Betrügerin zu werden und unwissenderweise ihren besten Freund einer neuen Welt zu opfern, erinnerte bereits an Aischylos, Sophokles & Co, die in ihren Werken anzeigten, dass der Mensch gar keine Möglichkeit hat, seine Wege so zu wählen, dass er vor der eigenen Sündigkeit bewahrt bleibt und sich daher immer wieder schuldig macht. „Das Magische Messer“ nimmt noch deutlichere Anleihen an der Griechischen Tragödie: Die scheinbar unabwendbare Schicksalsergebenheit der Menschen im Angesicht Gottes sowie die damit zusammenhängende Frage nach Wert und Preis autonomer Mündigkeit stehen hier eindeutig im Mittelpunkt.
Pullmans Figuren gelangen immer wieder von einem geplanten Vorhaben zu einem unerwarteten Ergebnis, schlittern von einem Verhängnis ins Nächste, das bereits wie der sprichwörtliche Schlüssel ins Schloss des folgenden schicksalhaften Ereignisses passt. Ähnlich dynamisch wie im ersten Teil erzählt der Autor auf diese Weise eine spannende Geschichte über zwei Suchende und zwei Väter in einer fremden und zuweilen feindlichen Welt, in der das Schicksal den Suchenden oft zum Finder des Verhängnisses macht. Düster, bedrohlich und deutlich härter als der erste Teil der Trilogie ist auch „Das Magische Messer“ eine äußerst empfehlenswerte Lektüre und lässt den dritten und letzten Teil der Saga mit Spannung erwarten.