In einer Welt, in der gepanzerte Eisbären und Hexen mehr oder weniger friedlich koexistieren und für den Menschen die ständige Begleitung seines „Dämons“, der eigenen Seele in Tiergestalt, unabdingbar ist, wird das fröhliche und unbeschwerte Leben der jungen Lyra plötzlich überschattet: Kinder verschwinden spurlos, Angst greift um sich: Wer sind die geheimnisvollen „Gobbler“, die hinter den Entführungen stecken sollen und welche Ziele verfolgen sie? Als Lyras Onkel Lord Asriel zu einer mysteriösen Expedition in den eisigen Norden aufbricht und die rätselhafte Mrs. Coulter auf der Bildfläche erscheint, zeichnen sich bald Zusammenhänge ab, die alles andere als beruhigend erscheinen…
Philip Pullmans dreiteiliger Roman über Parallelwelten, dämonische Seelenträger und geheimnisvolle Machenschaften erfreut sich unter Fantasy-Liebhabern seit seinem Erscheinen beachtlicher Beliebtheit. Nun hat der erste Teil des Werkes unter der Regie von Chris Weitz den erwartbaren Sprung auf die Leinwand gemacht – und das mit hochkarätiger Besetzung: In einer Welt, die, um es mit Pullmans Worten zu sagen, „der unseren sehr ähnlich, und doch ganz anders ist“, tragen Nicole Kidman als eiskalte Mrs. Coulter und die Sympathisanten von Wissenschaftler Daniel Craig alias Lord Asriel einen geradezu biblischen Kampf um die Seelen unschuldiger Kinder aus.
Das Kreuz mit der Komplexität
Das Vorhaben, ein literarisches Werk zu verfilmen, ist per se schon als mutig zu werten. Besonders, wenn es sich um eine so komplexe Geschichte wie Pullmans „Goldenen Kompass“ handelt, in der selbst die für die Romanfiguren „normale“ Welt eine für uns fremde ist, diverse Parallelwelten wiederum eigenen Gesetzen gehorchen und sich die handlungstragenden Theorien um einen geheimnisvollen kosmischen Staub nicht umsonst erst über Hunderte von Seiten entwickeln. Was vorliegt, ist also eine ungeheure Menge an Information, die verarbeitet und erklärt werden will, und das in 113 Minuten.
Anzeige Weitz, der auch das Drehbuch geschrieben hat, hat daraus sichtlich die Konsequenzen gezogen: Gekonnt gekürzt und verdichtet was das Zeug hält, präsentiert er in seinem Werk eine kompakte Informationsfülle, die der Komplexität der Vorlage durchaus Herr wird und das Publikum über die wichtigsten Zusammenhänge und Ereignisse nachvollziehbar informiert. Diese Leistung, kombiniert mit einer visuell äußerst ansprechend gestalteten Welt, die auf charmante Weise irgendwo zwischen dem Europa des 19. Jahrhunderts und futuristisch anmutenden Visionen der Neuzeit umherflaniert, hat durchaus ihren Reiz. Insbesondere, weil die technischen Möglichkeiten des Kinos gerade diesem Stoff sehr zu Gute kommen: Wenn riesige Eisbären brüllend und sprechend durch eine Eiswüste stapfen und sich quirlige kleine Tierdämonen auch verbal mit ihren menschlichen Begleitern austauschen können, ist zumindest der visuelle Einstieg in eine Welt voller Phantasie absolut einladend.
Doch ist es seit jeher ein Vorteil der Literatur, dass sie gerade nicht zu eilen braucht, sich daher in ihre Charaktere vertiefen kann und auf diese Weise deren Überlegungen, Werte und Erinnerungen ganz allmählich und subtil dem Leser näherzubringen versteht. So phantastisch eine erdachte Welt auch erscheinen mag, so braucht sie doch, um eine eigene Seele zu entwickeln, im Film ebenso wie im literarischen Werk, den Zugang über die Figuren, über Charaktere, die zur Identifikation einladen oder auch abstoßen und Furcht erregen.
Die Abwesenheit des Dämons
Weitz schafft es in seinem Film, komplexe Zusammenhänge geschickt zu verdichten, visuell zu beeindrucken und gute Schauspieler gekonnt in Szene zu setzen. Was dem Werk dabei abgeht ist jedoch die Einladung zur emotionalen Anteilnahme, der Zugang zu den Figuren, die kennenzulernen man keine Zeit hat, während sie in aller Eile von einem Abenteuer zum nächsten hetzen. Bei aller ästhetischen Stärke bleibt der filmische „Goldene Kompass“ auf diese Weise merkwürdig seelenlos und scheint von seinem eigenen Dämon verlassen.
Der Goldene Kompass Fantasy - USA 2007
Regie: Chris Weitz
Drehbuch: Chris Weitz
Buchvorlage: Philip Pullman
Darsteller: Nicole Kidman, Dakota Blue Richards, Sam Elliott, Eva Green, Daniel Craig
Start: 6.12.2007
FSK: ab 12 Jahren
Spieldauer: 113 Minuten
Verleih: Warner