Thronfolger Prinz Edward tauscht mit einem, ihm wie aus dem Gesicht geschnittenen, Gassenjungen die Kleidung, wird prompt für einen Bettler gehalten und davongejagt.
Ein wunderbares Hörbuch für Groß und Klein.
Wer kennt sie nicht, die Geschichten um Huckleberry Finn und Tom Sawyer des US-amerikanischen Schriftstellers Samuel Langhorne Clemens (1835 - 1910), besser bekannt unter seinem Pseudonym Mark Twain.
Eine ebenso großartige Erzählung, in der wiederum zwei Jungen die Hauptrolle spielen, ist Der Prinz und der Bettelknabe, welche Twain 1881 schrieb und die bereits mehrfach verfilmt wurde. In ihr begibt sich der Autor nach England, in die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts, an den Hof des gefürchteten Heinrich des VIII. Doch nicht der hartherzige Monarch ist Mittelpunkt des Verwechslungsspiels, sondern dessen Sohn Edward.
Der allzu oft allein gelassene dreizehnjährige Prinz trifft beim Spielen den Betteljungen Tom Canty, der ihm zum Verwechseln ähnlich sieht. Die beiden tauschen zum Spaß die Kleider. Und es kommt, was kommen muss: Als Prinz Edward in Toms Lumpen durch das Schloss läuft, wird er von seinen eigenen Wachen davongejagt.
Unfreiwillig lernt der Thronfolger fortan die furchtbare Armut kennen, unter der ein großer Teil seines Volkes leidet, und erfährt, wie es ist, von Mächtigeren herumgestoßen und verlacht zu werden.
Tom Canty hingegen, der bis dahin unter den Gewalttätigkeiten seines ständig betrunkenen Vaters und seiner Großmutter leiden musste, wird fortan mit Luxus überschüttet, den er sich in seinen kühnsten Träumen nicht ausgemalt hätte. Er genießt nach anfänglichen Zweifeln, ob des verschwundenen wahren Thronfolgers, sein Leben ohne Hungern und Frieren in vollen Zügen.
Als Heinrich VIII. kurz darauf stirbt, soll Tom Canty vom Kehrrichthof zum König gekrönt werden.
In Prinz und Bettelknabe bleibt Mark Twain wiederum seiner humoristischen und von genauen Beobachtungen des sozialen Verhaltens geprägten Erzählweise treu, auch wenn dieses Mal seine scharfzüngige Kritik nicht direkt an die amerikanische Gesellschaft gerichtet ist. Doch unterschieden sich Heuchelei und Verlogenheit der herrschenden Klasse im 16. Jahrhundert kaum nennenswert von den damaligen Verhältnissen des ausgehenden 19. Jahrhunderts.
Anzeige Der Autor zeigt auf, wie willkürlich und barbarisch die englischen Gesetze in der Zeit des Mittelalters waren und wie sehr die damals lebenden armen Menschen unter ihrem Elend und ihrer Rechtlosigkeit litten. Aberglaube, Ausbeutung, Armut, Rechtlosigkeit und Verachtung des menschlichen Lebens, so es nicht adeligen Geblüts ist, regieren, nicht aber Edelmut, Heldentum und Aufrichtigkeit.
Am Ende hat die Konfrontation des königlichen Oberhauptes mit der ernüchternden Realität seiner Untertanen, seinen Kopf und sein Herz verändert, und er wird das Land verändern. "Er habe, so sagte Edward, eine unbezahlbare Lehre erhalten. Und er wolle seine Geschichte immer und immer wieder von neuem erzählen, um sie nicht zu vergessen. Sie solle ihn stets daran erinnern, dass es die erste und vornehmste Pflicht eines Herrschers sei, in Milde und Gerechtigkeit zum Wohl des ihm anvertrauten Volkes zu regieren."
Im Märchen versteht sich!
Auch Mark Twains Leben war von Widersprüchen nicht frei. Denn der Mann, der den american way of life scharfzüngig kritisierte, strebte sein ganzes Leben nach dem großen geschäftlichen Erfolg und nach Anerkennung in höchsten Gesellschaftskreisen.
Ein außerordentliches Lob gilt der ausgezeichneten, inszenierten Lesung durch Johannes Steck. Er macht durch sein "Stimmenwunder" dieses Hörbuch beinahe zu einem Hörspiel. Großartig, wie er die verschiedenen Charaktere intoniert. Sei es nun ein verschlagener Höfling, der scheidende Monarch Heinrich VIII., dessen tiefe, Ehrfurcht einflößende Stimme einen Schauder erzeugt, oder aber die unterschiedlichsten Charaktere der Diebesbande, mit denen sich der kleinen Thronfolger herumschlagen muss; Johannes Steck weiß sie wunderbar zu imitieren und ihnen Leben einzuhauchen.
Seine Leseinszenierung macht dieses Hörbuch zu etwas ganz Besonderem.
Fazit: Die wundervolle, vielschichtige Geschichte nach einer Erzählung von Mark Twain ist klassischer Märchenstoff, aber auch deutlich mehr als das. Die Handlung ist vollgepackt mit Details und bietet Kindern sehr viel Lehrreiches über menschliche Tugenden.
Großartig gelesen von Johannes Steck.
Für Kinder ab 10 Jahren.
Mark Twain
Prinz und Bettelknabeungekürzte und inszenierte Lesung mit Musik
Sprecher: Johannes Steck uccello Verlag,
Seefeld (November 2006)
5 CDs, 428 Minuten, 25,99 Euro
ISBN 10: 3937337199
ISBN 13: 978-3-937337-19-7