Der alten neuen Hauptstadt Berlin als Mittelpunkt des kulturellen Lebens der 20er Jahre hat sich der Verlag „edition ebersbach“ und seine Autorin Unda Hörner mit dem Wochenkalender Literarisches Berlin 2008 verschrieben: 53 Kalenderblätter erinnern an die Blütezeit der Literatur
„edition ebersbach ist eine Frau“: unter diesem Slogan vermarktet der kleine Verlag unter Leitung von Verlegerin Brigitte Ebersbach seine Produkte und charakterisiert damit auch gleichzeitig seine Zielgruppe.
Der vorliegende Wandkalender Literarisches Berlin 2008 wurde zwar von einer Frau herausgegeben, aber angesprochen dürfte nicht nur das weibliche Geschlecht sein. Und auch die Literaten der 53 Kalenderblätter werden eindeutig von Männern dominiert. 41 Schriftsteller stehen 12 weiblichen Pendants gegenüber.
Doch stellt dies keineswegs eine „Missachtung der Frauenquote“ dar, sondern ist ganz einfach der betrachteten Zeit geschuldet: Dieser Kalender ist eine Hommage an die 20er Jahre im Speziellen und Berlin im Besonderen.
Die 1961 geborene und seit 1982 in Berlin lebende, promovierte Romanistin Unda Hörner, die als Autorin, Lektorin und Übersetzerin arbeitet, hat sich in Wort und Bild dieser faszinierenden Zeit angenommen; einer Zeit, in der trotz der grauen politischen Wirklichkeit der Weimarer Republik, die Kultur einen rasanten und glanzvollen Aufstieg erlebte.
Die Avantgarde gewann zunehmend an öffentlicher Anerkennung; Surrealismus und Dadaismus wurden einem breiteren Publikum zugänglich. In der Architektur und im Design trat eine kühle Nüchternheit in den Vordergrund. Das neusachliche Theater feierte mit Carl Zuckmayers Der fröhliche Weinberg und Der Hauptmann von Köpenick große Publikumserfolge. Viele Bühnenstücke traten von Berlin aus ihren Siegeszug an, erwähnt sei nur Bertolt Brechts Dreigroschenoper.
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Auch die Literatur erlebte ab Mitte der 20er Jahre eine Blütezeit, mit heute weltbekannten Klassikern wie Thomas Manns Zauberberg, Hermann Hesses Der Steppenwolf. Das vielfältige kulturelle und literarische Leben in der Weimarer Republik erlaubte es auch schreibenden Frauen, ein neues Selbstbewusstsein zu entwickeln. Und wieder war es Berlin, die Stadt mit den meisten Verlagen, Zeitschriften, Theatern und Cafes, welche eine große Anziehungskraft ausübte. Berlin war Dreh- und Angelpunkt des künstlerischen Lebens und die Anonymität der Großstadt erleichterte es Frauen, sich von ihrer traditionellen Rollenzuweisung zu distanzieren und neue Lebensformen zu entwickeln. Schriftstellerinnen wie Vicki Baum zeichneten das Bild der „Neuen Frau“ als kritische und selbstbewusste Protagonistin, deren Kennzeichen das mit Glasperlen und Pailletten bestickte knielange Hemdkleid und der Bubikopf waren. Keine Stadt war so modern wie das Berlin der 20er Jahre.
Das Leben pulsierte, es pulsierte in den Großstädten und vor allem in Berlin, dem kulturellem Zentrum Deutschlands; neben Paris und London die europäische Kulturmetropole schlechthin. Auf 53 Kalenderblättern erinnert die Autorin an diese Epoche der damals drittgrößten Stadt der Welt. 53 literarischen Ur- und Wahl-Berlinern, Inspiration Suchenden oder Berlin-Durchreisenden hat Unda Hörner jeweils ein Kalenderblatt gewidmet.
Wunderbar ist die Melange aus historischen schwarz-weiß Fotografien (Künstlerporträt, Theaterschnappschüsse oder Berliner Straßenszenen) dieser Glanzzeit, Infotext zum Autor und Zitaten aus dem Werk des jeweiligen Schriftstellers.
„Was ist eine Glanzzeit? Eine Zeit vieler großer Namen, in nächster Nähe voneinander, und zwar so, dass ein Name den anderen nicht erstickt, obwohl sie einander bekämpfen. Wichtig daran ist die ständige Berührung, die Stöße, die das Glänzende sich gefallen lässt, ohne zu erlöschen.“, stellte der Literaturnobelpreisträger (1981) Elias Canetti fest, dem ebenfalls ein Kalenderblatt gewidmet ist. Und große Namen sind hier wahrlich in nächster Nähe vereint: die Geschwister Erika, Golo und Klaus Mann, Bertolt Brecht, Joachim Ringelnatz, Mascha Kalèko, Heinrich Zille, oder aber der damalige Feuilletonchef des „Berliner Tageblatts“ Fred Hildebrand, Wladimir Nabokov, Kurt Tucholsky, Else Lasker-Schüler, Asta Nielsen und Joseph Roth sollen nur stellvertretend genannt werden. Sie berühren einander, stehen aber trotzdem eigenständig, denn jedem Literat ist ein Kalenderblatt gewidmet.
Weitere Literarische Kalender gibt es von Hamburg, Bayern, Baden-Württemberg, Hessen und ganz speziell doch noch einen Literarischen Frauenkalender vom selben Verlag.
Fazit: Dieser Kalender ist es eine fantastische literarische Reise in eine „Glanzzeit“ und dieser Glanz strahlt auch auf den Betrachter, wenn er sich Woche für Woche dieser Großstadtsinfonie aussetzt.
Unda Hörner
Literarisches Berlin 2008 edition ebersbach , Berlin (September 2007)
53 Kalenderblätter, 20,00 Euro
ISBN 10: 3938740523
ISBN 13: 978-3-938740-52-1