Die griechische Mythologie ist eigentlich immer wieder gut für skurrile Geschichten, bei denen man sich am liebsten an den Kopf fassen möchte. So beispielsweise die Geschichte des blinden Sehers Teiresias. Sein Leben begann recht unspektakukär als Priester des Zeus. Doch dann, wie es der Zufall und die Dramaturgie der Mythologie wollen, wurde er in eine Frau verwandelt. Als solche war er fortan Priesterin der Hera, heiratete einen stattlichen Mann und hatte das ein oder andere Kind. Nach den obligatorischen sieben Jahren kehrte der Zufall wieder und er wurde zurückverwandelt.
Da auch die Götter bei den Griechen oft nicht wirklich Essentielles zu tun hatten, stritten sich eines Tages Zeus und Hera, wer von beiden Geschlechtern die meiste Lust beim Sex erfahre - Zeus entschied sich für die Frauen, Hera entsprechend für die Herren. Da sie aber nur mutmaßen konnten, holten sie sich Rat bei Teiresias, denn der war ja mal Mann dann Frau und dann wieder Mann, dürfte also über die entsprechenden Erfahrungen verfügen. Als dieser dann sagte, Frauen empfänden die größere Lust, war bei Hera Schluss mit lustig und sie ließ Teiresias erblinden. Da Zeus diesen Makel nicht mehr rückgängig machen konnte, dachte er sich, quasi als Wiedergutmachung, den Blinden mit der Gabe der Prophezeiung zu segnen.
So, und was hat das mit Robert Menasses Roman Don Juan de la Mancha zu tun? Auf den ersten Blick nicht viel - aber zu dem zweiten Blick kommen wir später noch. In den vergangenen Jahren hat der österreichische Autor immer wieder mit seinen Romanen und Kommentaren sowie Essays für Aufmerksamkeit gesorgt. Nicht alle seine Romane waren dabei leicht verdaulich, beschäftigen sie sich doch zu großen Teilen mit Hegel und Aspekten der Geschichtsphilosophie. Und nun legt er einen Roman vor, in dem es um so viel mehr geht als Hegels Frage nach dem Ende der Geschichte: um Sex und das immense Glücksversprechen, das in diesen drei Buchstaben vermeintlich steckt.
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Sein Held: Nathan, Chefredakteur des "Leben"-Ressort einer großen deutschen Wochenzeitung und unverbesserlicher Verführer und ständig auf der Suche nach Erlösung und dem Wissen um das ewige Glück. Er ist aber auch Sohn, der nie dem Schatten seines Vaters entrinnen konnte und auch hier, wie auf seiner Suche nach DER Frau, die ihm das große Glück nicht nur verspricht, sondern auch gibt. Nun heißt das Buch ja nicht nur Don Juan sondern Don Juan de la Mancha. Und ebenso wie Don Quichotte, dürfte Nathans Suche ebenso wenig erfolggekrönt sein wie Don Quichottes Kampf gegen die Windmühlen. Ans Ende des Buches hat Menasse eine äußerst skurrile Versuchanordnung gesetzt, die ebenso einfach wie gewaltig wirkt.
Menasse schafft es, seine Leser immer wieder zu überraschen. Kaum einer hätte nach seinem letzten Roman "Die Vertreibung aus der Hölle" mit diesem Buch gerechnet. Zu groß scheint zunächst die thematische Differenz zu sein - und viele seiner Leser dürften sich von dem ersten Satz des neuen Roman mehr als nur provoziert fühlen. In Wirklichkeit - die es aber leider nicht gibt - ist dieser erste Satz aber einer der großartigsten und verblüffendsten Eröffnungen, die die Weltliteratur je gesehen hat, der seine Wirkung in jedem Uniseminar wie Damenkaffeekränzchen gleichermaßen stark entfalten dürfte! Temporeich und mit einer perfekten Menge an Sentenzen und zahlreichen geschickt gesetzten Exkursen sowie einer Reihe an mal mehr mal weniger gelungen Kalauern und Wortwitzen führt Menasse seine Leser durch seinen Roman.
Menasse ist und bleibt einer der großen lesbaren Intellektuellen und Romanciers, der sich seine Schelmenhaftigkeit bewahrt hat, der es versteht seiner Kritiker immer wieder zu narren und auf eine falsche Fährte zu locken. Selbst Schuld, wer in diese Falle tritt und entnervt und angewidert aufgibt! Und so sei an dieser Stelle darauf verzichtet, den Bogen von diesem Roman zu Teiresias zu schlagen - man kann und muss ja nicht alles erklären!