Wahrscheinlich gibt es niemanden, der sie nicht kennt, die herzige Sissi, die mit Romy Schneiders Lächeln Ostern und Weihnachten über deutsche Bildschirme tanzt. Natürlich wissen wir auch, dass das Pralinenschachtelidylle erlogen und das wahre Leben der Kaiserin Elisabeth alles andere als rosig war, doch das von Marie Blank-Eismann geprägte Bild hält sich hartnäckig. Verlogen? Sicherlich! Schön? Allemal!
Ein Märchen begann in Possenhofen: Der österreichische Kaiser Franzl verliebt sich in die jüngere Schwester der ihm zugedachten Prinzessin, widersetzt sich den Wünschen der Mutter und des Hofes und führt die bezaubernde 16-jährige Sis(s)i heim. Doch die junge Kaiserin leidet furchtbar unter dem strengen Hofzeremoniell. Als man ihr noch ihr Kind wegnehmen will, flüchtet sie zu den Eltern. Skandal. Versöhnung. Happy End? Noch nicht, denn noch gibt es die Lungenerkrankung und die Entfremdung zwischen dem Kaiserpaar. Wieder Versöhnung. Hier enden die beliebten Sissi-Filme mit Romy Schneider und der Leser darf ungehindert weiterträumen.
Anzeige Die literarische Vorlage von Marie Blank-Eismann wagt einen weiteren Schritt in Richtung Realität, indem sie die problematische Beziehung der kaiserlichen Eltern zu ihrem einzigen Sohn ebenso thematisiert wie die emotionale Bindung der Kaiserin zu dem verrückt-genialen König von Bayern. Sie endet schließlich mit der Silberhochzeit des Paares und einem gedämpften, doch versöhnlichen Happyend.
Kaiserin Elisabeth war eine eitle, mitunter egoistische, mit Sicherheit aber tiefunglückliche Frau. Sie war nicht die Sissi, die wir kennen und lieben, und doch ist es das von Marie Blank-Eismann mitgeschaffene Bild, das wir nicht vergessen wollen, egal, was wir wissen.
Wenn man sich das auf 2 CDs zusammengefasste Hörbuch zu Gemüte führt, so muss man bereit sein, in eine andere Welt zu tauchen, sowohl was die Sprache als auch die Weltanschauung betrifft. Da wird mehr als einmal von den unveräußerlichen Mutterrechten einer Frau gesprochen, ihre heiligsten Pflichten als Ehefrau werden erwähnt, kurz und gut, die Emanzipation ist noch in weiter Ferne.
Auch sprachlich wirkt vieles sicher ungewohnt und altmodisch, doch wenn man bereit ist, für sich selber diese Kluft zu überbrücken, so darf man sich an einer gelungenen Lesung erfreuen, die ohne Bilder die Sissi-Romantik noch einmal aufleben lässt.
Mitverantwortlich für diesen Erfolg sind sicher die professionellen Stimmen der Geschwister Pfister, die sich des in die Jahre gekommenen Textes mit liebevollem Respekt, doch ohne Scheu nähern. Da wird Ludwig auch schon mal von einer rauchigen Frauenstimme gesprochen, und die Sissi zickt und turtelt gar herzig mit ihrem Franzl. Langweile kommt nicht auf und auch die Länge von zwei CDs hebt sich wohltuend von anderen Hörbüchern ab, die sich oft über sechs oder noch mehr CDs erstrecken, so dass man sehr viel Zeit aufbringen muss oder Gefahr läuft, den Faden zu verlieren.
Fazit: Sissi entstaubt - gelungene Mischung aus Moderne und Tradition