Straßenkinder gibt's in Rumänien, ja und in Brasilien oder Kolumbien und in vielleicht noch Afrika irgendwo ... aber hier in einem der reichsten Länder der Welt ...?
Allein in Deutschland gibt es schätzungsweise 1.500 bis 2.500 obdachlose Jugendliche. Dazu kommen noch bis zu geschätzte 50.000 Kinder und Jugendliche, die zumindest zeitweise auf der Straße leben.
Die Gründe für ihre Flucht auf die Straße sind ähnlich wie bei den meisten Straßenkindern in westlichen Staaten: zerrüttete Familienverhältnisse, Gewalt und sexueller Missbrauch.
Morton Rhue, der amerikanische Autor des bekannten Romans Die Welle hat eine Geschichte geschrieben, die Einblicke in einen Lebensalltag zulässt, der sich der "ordentlichen" Gesellschaft kaum erschließt. Es ist ein Empathie erzeugende Buch, das sich mit dem Schicksal sozialer Randgruppen, insbesondere einiger Jugendlicher auseinandersetzt. Sein Stil spricht an, beschreibt in aller Klarheit und doch verkraftbar die Nöte der Kinder und Jugendlichen.
Freilich kommt es einem schon oft etwas "dick aufgetragen" vor, wenn gleich eine ganze Reihe von Sterbensfällen die Not der zufälligen und doch einer Familie gleich zusammenhaltenden Straßenclique dokumentieren und krass unterstreichen. Der Autor zeigt aber durch seine fiktiven Protagonisten exemplarisch die Lebensgeschichten von Straßenkinder auf. Deren Vertrauen zu allen, die es "ehrlich" mit ihnen meinen, ist tief zerrüttet und gebrochen. Dabei deckt der Autor auch auf, dass es durchaus unterschiedliche Motivationen und Bedingungen für ein Leben als Straßenkind gibt. Doch nur sehr selten sind es die aus Protest gewählte Gegenwelt zum gewohnten behüteten Dasein oder eine wehmütig anmutende Großstadtromantik, die junge Menschen von zu Hause auf die anonyme Straße zwingt.
Das Buch stimmt traurig und rüttelt auf, es stößt einen direkt auf bekannte Problemlagen, lässt aber Alternativen offen, auch wenn es diese gibt. Die Entscheidung zum Gerettetwerden müssen die Kinder schließlich selbst treffen. Es braucht Angebot, Begleitung, Annahme, Vertrauen und Sicherheit für die Betroffenen.
Morton Rhue's Geschichte eignet sich ideal, um die Thematik kennen zu lernen oder sie mit Kindern und Jugendlichen zu diskutieren. Der aufkeimende Hoffnungsschimmer am Ende der wirklichkeitsnahen Erzählung erhält dadurch auch noch einen aktivierenden Reiz, dass sich der Ravensburger Buchverlag in Kooperation mit der Deutsche Bahn AG an der Rettung von Straßenkindern beteiligt. 50 Eurocent des Kaufpreises werden an die Organisation "Off-Road-Kids" weiter gereicht. Diese Organisation setzt sich für die Rettung von Straßenkindern in unserer Gesellschaft ein (Informationen im Internet: www.off-road-kids.de).
Ein tolles, aufrüttelndes Buch zu einem verdrängten Thema.
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Morton Rhue Asphalt Tribe Kinder der Strasse. (Junge Erwachsene) aus d. Englischen v.: Werner Schmitz Ravensburger Buchverlag, 2004 206 Seiten, EUR 11,95 ISBN 3-473-35246-2