Viele Freunde hat Ilkka Remes, preisdekorierter finnischer Bestseller-Autor, nach eigenen Angaben nicht gehabt und dennoch treibt ihn schon seit seiner Kindheit das Thema ‚Der Einzelner in der Gruppe' um. Das kann man glauben oder nicht. Bei Schriftstellern empfiehlt es sich in aller Regel ihnen eher weniger als mehr zu glauben, vor allem wenn solche Äußerungen im Umfeld einer Neuerscheinung getätigt werden.
Tatsächlich beschäftigt sich Remes' aktueller Thriller Die Geiseln mit genau dieser Problematik - Der Kampf des Einzelnen um Individualität im Kollektiv. Klingt wie der Titel einer soziologische Doktorarbeit ist in diesem Fall aber durchaus spannend als Thriller umgesetzt.
Den in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilte Oberst Jankovic hat das Schicksal ereilt, seine Haftstrafe in Finnland abzusitzen. Seine Frau hat er im Balkankrieg verloren, als Nato-Bomber am helllichten Tag einen Personenzug angriffen. Da auch seine beiden Söhne Vasa und Radovan Jankovic, die inzwischen in Finnland und Schweden arbeiten und studieren die schrecklichen Bilder nicht vergessen haben, sinnen sie auf Vergeltung und versuchen ihren Vater freizupressen. Dieser Versuch scheitert tragisch: Radovan wird von einem Scharfschützen getötet und der Verurteilte findet sich nach nur wenigen Stunden in seiner Gefängniszelle wieder. Schnell keimen in Vasas Zorn neue, größenwahnsinnige Pläne: Am 6. Dezember, dem finnischen Unabhängigkeitstag, an dem sich die Elite Finnlands zu einem Empfang im Präsidentenpalast versammelt, passiert dann das Undenkbare: Mit Hilfe einer Gruppe militanter Serben bringt Vasa den Präsidenten, die gesamte Regierungsmannschaft sowie führende Wirtschaftsleute samt weiblichen Anhangs in seine Gewalt - um erstens den Vaters freizupressen, zweitens auf die Nato-Verbrechen während des Balkan-Krieges hinzuweisen und drittens Finnland vor einem möglichen Beitritt zur Nato zu warnen.
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Remes spielt in seinem Roman gekonnt mit Zitaten und den gängigen Klischees aus Grusel-, Horror und Selbstjustizromanen, und es macht tatsächlich einigen Spaß, dem Autor durch die fast 500 Seiten zu folgen. Zum einen macht man das aufgrund der immensen Spannung, die er aufbaut, zum zweiten aufgrund des Tempos, in dem er seine Handlung vorantreibt - nichts in diesem Buch wäre weglassbar oder langweilig - und zum dritten aufgrund der Tatsache, dass es der Autor versteht, den Leser zu überraschen. Glaubt man auf den ersten Seiten noch, man habe es hier mit einem typischen Fall von Selbstjustiz zu tun, wird schnell klar, dass es so einfach nicht ist. Die Linien zwischen Gut und Böse verschwimmen doch sehr, zumal der Anführer der Geiselnehmer ein sehr umsichtiger und intelligenter, dabei aber keinesfalls kalter oder technokratischer Rambo ist, der genau weiß, wie und mit welchen Bildern er auf seine Ziele aufmerksam machen kann.
Spannend bis zum Schluss bleibt auf die Auflösung der Geiselnahme, die auch an politischer Brisanz kaum zu übertreffen ist. Schlimm, dass man sich an der ein oder anderen Stelle dabei ertappt, dass es tatsächlich so sein könnte. Und um auf die Ausgangsthese, es handele sich hierbei um einen Roman, bei dem es um die Antagonismen Individuum und Kollektiv geht: Dieser Roman hinterfragt dies tatsächlich, nicht auf den ersten Blick - aber es gibt einige Beziehungskonstellationen, die diesen Konflikt thematisieren, ohne dass es gewollt und aufgesetzt wirken würde. Als einziges Manko an diesem Buch könnte man anführen, dass es als politisches Buch, das es in gewisser Weise auch ist, einige Hintergründe und Anspielungen auf die finnische Innen- und Außenpolitik enthält, die einem als Otto-Normal-Europäer eher unbekannt sind - doch dem Lesevergnügen sollte dies keinen gewaltigen Abbruch tun.
Ein intelligent angelegter, spannender und immer wieder überraschender und realitätsnaher Thriller, der ein wenig mehr als pures Lesefutter ist - und aus der Thriller-Produktion dieses Jahres heraussticht.
Oberst Jankovic, in Den Haag als Kriegsverbrecher verurteilt, sitzt in Finnland im Gefängnis. Seine Frau hat er im Balkankrieg verloren, als Nato-Bomber am helllichten Tag einen Personenzug angriffen. Das haben weder er noch seine Söhne Vasa und Radovan vergessen, und sie sinnen auf Vergeltung. Als ein erster Versuch, den Vater zu befreien, scheitert und Radovan dabei getötet wird, brütet Vasa einen neuen, größenwahnsinnigen Plan aus. Am 6. Dezember, dem finnischen Unabhängigkeitstag, an dem sich die Elite Finnlands auf einem Empfang im Präsidentenpalast versammelt, schlägt Vasa zu: Mit Hilfe einer Gruppe militanter Serben bringt er den Präsidenten, die Regierung, die Spitzenbeamten sowie führende Wirtschaftsleute und ihre Frauen in seine Gewalt. Während Timo Nortamo alle Hebel in Bewegung setzt, um diese außergewöhnliche Situation unter Kontrolle zu bringen, gelingt es Johanna Vahtera, sich unter die Geiseln zu mischen. Doch gegen Vasa und seine Männer ist sie in ihrer Lage relativ machtlos. Und ihre Identität lässt sich nicht ewig geheim halten.