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Herz der Finsternis PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von Heike Geilen, am 09-01-2008 09:00
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Favoriten 32

Joseph Conrad : Herz der FinsternisAlptraumhafte Reise

Michael Köhlmeier hat Joseph Conrads großartige Novelle „Herz der Finsternis“ - ein Versuch, politisch und psychologisch, das Böse und seine Faszination zu beschreiben - als Hörspiel inszeniert.

Die Zeiten, da die Landkarte der Erde noch weiße Flecken unerforschten Landes aufwies, sind vorbei. Ferne Gegenden, wilde Urwälder, die tiefsten Schluchten sind erforscht, die höchsten Berge erklommen. Ganz anders war dies in den vergangenen Jahrhunderten. Gefahrvolle Reisen übers Meer oder in einem kleinen Boot einen Fluss in einem unerforschten Urwald entlang wurden unternommen, um neue Gebiete zu entdecken.

Joseph Conrad, einer der bedeutendsten Erzähler der englischen Sprache, gehörte selbst zu diesen Pionieren. 18 Jahre fuhr er zur See, bevor er 1894 seinen Dienst als Kapitän zur See quittierte. Nahezu alle seine Romane handeln von der Seefahrt.Der beeindruckendste von allen bleibt „Herz der Finsternis“.

1890 fährt Joseph Conrad den Kongo hinauf, als Angestellter einer belgischen Handelsgesellschaft, die angeblich den Wilden die Zivilisation bringen will, in Wirklichkeit das Land aber aufs Grausamste ausbeutet. Es wird eine alptraumhafte Reise, ins Herz des wilden Afrika, zu Stämmen, die barbarische Riten vollziehen, die ihn zugleich abstoßen und faszinieren.
Conrad kommt gesundheitlich gezeichnet und psychisch traumatisiert zurück. Der Autor entdeckt bei dieser Reise die dunkle Seite in sich selbst: sein Herz der Finsternis.

Seelenreise ins eigene Herz der Finsternis

All seine Erfahrungen verarbeitet er in seiner Erzählung „Herz der Finsternis“, ein Buch von außergewöhnlicher Gedankendichte, welches er 1899 in nur zwei Monaten zu Papier brachte. Conrad erkannte, dass auch die eigene Seele, gleich einer Landkarte, noch genug weiße Flecken unerforschten Landes bietet. Seine Seelenreise in das eigene Herz der Finsternis lies ihn die Wut entdecken, die dort schlummert: seinen ganz persönlichen unerkundeten Urwald.

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Bereits 1990 inszenierte Michael Köhlmeier Conrads Novelle für den ORF als Hörspiel, welches „der hörverlag“ nun erstmals auf CD herausgebracht hat. Köhlmeiers Bearbeitung enthält nur einen Extrakt des kompletten Romans. Er hat sich auf das Wesentliche beschränkt, sozusagen die Kernzelle Conrads herauskristallisiert. Der Gesamtzusammenhang ist jedoch keineswegs gestört. Großartig ist ihm die atmosphärische Untermalung der düsteren Stimmung gelungen. Der Hörer spürt beinah körperlich das Grauen.

Erzähler ist Kapitän Marlow - Conrads Alter ego -, der einen alten Flussdampfer übernommen hat, um Elfenbein aus dem Landesinneren Kongos an die Küste zu transportieren. Doch bevor Marlowe sein Schiff übernehmen kann, muss er sich auf einer Station melden. Dort bekommt er einen ersten Eindruck davon, wie es zugeht im Herz der Finsternis: „Schwarze Gestalten kauerten, lagen, saßen ringsumher zwischen den Bäumen, an die Stämme gelehnt, sich an die Erde klammernd, halb sich abzeichnend in dem trüben Licht, halb davon verwischt, in allen Stellungen des Schmerzes, der Preisgegebenheit, der Verzweiflung. (...) Sie starben langsam - das war sehr deutlich. Sie waren keine Feinde, sie waren keine Verbrecher, sie waren nichts Irdisches mehr - nichts als schwarze Schatten der Krankheit und des Hungers, die durcheinandergeworfen in der grünlichen Düsternis lagen.

Widersprüche der eigenen Persönlichkeit

Auch von dem geheimnisumwitterten, legendären Agenten Kurtz, der sich im Landesinneren sein eigenes kleines Reich geschaffen hat, sich als Gott verehren lässt, sagenhafte Mengen Elfenbein abliefert und für die Durchsetzung seiner Interessen über Leichen geht, hört er dort zum ersten Mal. Kurtz ist schwer erkrankt und Marlow soll den Todkranken zur Küste bringen, von wo aus er nach Europa gebracht werden soll. Marlows Auftrag - wie so manches im Roman - scheint ziemlich vage. Er stößt in den dunklen Kontinent vor, zugleich auch in die Finsternis eines skrupellosen Charakters. Als er Kurtz das erste Mal gegenüber steht, fühlt sich Marlow von diesem Mann gleichermaßen fasziniert und abgestoßen und wird direkt mit den Widersprüchen seiner eigenen Persönlichkeit konfrontiert.

Doch Kurtz stirbt während der Fahrt den Fluss hinab. Seine letzten Worte: „Das Grauen, das Grauen!“, gehören spätestens seit Marlon Brandos Rezitation in Francis Ford Coppolas Vietnamfilm „Apocalypse Now“, dessen Handlung auf Conrads Roman basiert, zu den berühmtesten letzten Worten einer literarischen Figur. Sie sind der Fluchtpunkt, auf den die gesamte Erzählung hinausläuft und Kurtz ist gleichsam das dunkle Zentrum von Conrads gesamtem Werk.

Atmosphäre der Unwirklichkeit

Bernd Rumpf hat als Stimme Kapitän Marlows die tragende Rolle inne. 95% des Hörspiels bestreitet er allein. Ein Monolog ist es trotzdem nicht. Sondern Hans Gerd Kübel steht ihm als unbenannter Gegenüber zur Seite. Er fungiert als eine Art Interviewpartner, stellt immer wieder Fragen und hakt nach: nahezu ein Verhör.

Dieses Zwiegespräch ist mit sparsamen Geräuschen (Stühlerücken, Türknarzen, Urwaldgeräusche) oder Jingles mit afrikanischen Klängen hinterlegt. Aber dies sind nur Tupfer in einem sonst sehr ruhigen, düsteren Redefluss, den Rumpf, der seine Synchronstimme u. a. bereits George Clooney und Liam Neeson lieh, großartig intoniert. Er vermag hervorragend Conrads Stil, der eine Atmosphäre der Unwirklichkeit hervorruft, die Zerrissenheit Marlows und dessen inneren Kampf wiederzugeben. Auch bei erneutem Hören, was zweifelsohne zu empfehlen ist, entstehen neben den konkreten Schilderungen des Urwalds, der Fahrt und der Aktionen zum Gelingen der Reise, verschwommene Bilder von Kurtz und seinem sagenumwobenen Reich.

Hervorzuheben ist gleichfalls das ausführliche 23seitige Booklet, welches eine Fülle an Informationen zum Autor, dem Buch und vor allem zu dessen Verständnis enthält.

Fazit:

Herz der Finsternis“ ist nicht nur die Schilderung einer abenteuerlichen, gefährlichen Flussfahrt und eine Anklage gegen Sklaverei, es ist der Versuch, das Böse und seine Faszination zu beschreiben.

Ein (Hör-)Buch, was gleichzeitig politisch und psychologisch zu verstehen ist.

 

Bibliographische Angaben

Joseph Conrad
Herz der Finsternis
Hörspielinszenierung von Michael Köhlmeier

Sprecher: Bernd Rumpf und Hans Gerd Kübel
DHV Der Hörverlag, München (Oktober 2007)
1 CD, ca. 60 Minuten, 14,95 Euro
ISBN 10: 3867171092
ISBN 13: 978-3-86717-109-0

 

 

 

 

Klappentext

"Der Mensch ist ein bösartiges Tier": Dies erfährt Kapitän Malow, als er mit seiner Mannschaft auf dem Flusslauf des Kongo immer tiefer in die Wildnis vordringt. Er trifft dort auf den brutalen Elfenbeinhändler Kurtz, der seinen Distrikt mit erbarmungsloser Skrupellosigkeit ausbeutet. Der berühmte Abenteuerroman, welcher schon Regisseur Francis Ford Coppola als Vorlage für seinen legendären Kinofilm Apocalypse Now diente, inspirierte Michael Köhlmeier zu einer einzigartigen Hörspielinszenierung. Er entführt den Hörer auf die düstere und gefährliche Fahrt über den Kongo. Untermalt mit atmosphärischen, afrikanischen Klängen wird sie zum Sinnbild für den Blick in die Abgründe der eigenen Seele.


Letztes Update: 08-01-2008 16:17

Veröffentlicht in : Hörbuch, Belletristik
Schlüsselworte : Joseph Conrad, Herz der Finsternis, 3867171092, Hörspiel, Michael Köhlmeier, Kongo, Sklaverei, Grauen, Apocalypse Now, Elfenbein
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